Familienfoto am Schiedeck

Es war wieder so weit. Der Herbst zieht ins Land, das bedeutet gutes Foto-Licht und keine Gewittergefahr mehr an schönen Tagen. Die Lärchen haben es zwar vorgezogen, noch ihr grünes Sommerkleid anzubehalten, dafür leuchteten die Schwarzbeersträucher in umso auffälligeren Rottönen.

An Martin, dem „Hundling“, scheint der Alterungsprozess spurlos vorüber zu gehen und so zeigte er sich fit wie eh und je oder sogar noch fitter, obwohl ihn eine gerade erst überstandene Verkühlung etwas einbremste. Bei mir dagegen passt sich allmählich mein Äußeres meinem desolaten Fitness-Zustand an (oder umgekehrt). Das erste Mal seit mehr als 15 Jahren musste ich kurz zuvor einen Krankenstand beanspruchen, um fieberbedingt einige Tage das Bett hüten zu können.

Bereits 14 Jahre lang machen Martin und ich jährlich eine etwas ausgefallenere Tour. Rot ist die heurige Wanderung eingezeichnet.

Landkartenausschnitte © BEV 2009, Vervielfältigt mit Genehmigung des BEV – Bundesamtes für Eich- und Vermessungswesen in Wien, T2009/52304

Und „frisch entlassen“ war nicht viel Power zu erwarten. Dazu die hartnäckigen Speckrollen (Speckröllchen wäre stark untertrieben), die ich mir im letzten Herbst bei meiner knochenmarködemverursachten längeren Berg-Abstinenz angefuttert hatte und die wohl so sehr Gefallen an mir gefunden haben, dass sie sich nur mehr schwer von mir trennen wollen.

AlpenYeti schnaufend und keuchend beim schweißtreibenden Latschen-Ruachler (Foto (c) by Martin Huber)

Ein Zugeständnis an meinen miserablen Zustand: Erst um 7:30 Uhr war Treffpunkt, und zum wiederholten Male unterschätzte ich die lange Anfahrt ins Rohrmooser Obertal und kam schon wieder zu spät. Mich auf den Post-LKW auszureden, der mich über lange Phasen auf der Ennstal-Bundesstraße aufgehalten hat, wäre zu billig.

Die markante Nordseite des (kleinen) Kornreitwipfl (Bildmitte) wird bei der Anfahrt bereits von der Morgensonne geküsst. Rechts daneben das Schiedeck, unser heutiger höchster Gipfel.

So, nun aber zur Tour. Beim Parkplatz Hopfriesen ist ab heuer eine Parkgebühr zu entrichten. Von hier brachen wir auf und folgten dem markierten Wanderweg zur Lackenalm. Von dort gings am Forstweg weiter. An „Schafbeobachtern“ vorbei, die ihren Kumpanen mittels Walkie-Talkie Anweisungen gaben, wo sie die am gegenüber im Sonnenschein weidenden Schafherden finden könnten.

Vorbei an der Lackenalm

Noch ein Stück im kühlen Schatten, beim Knappenkreuz gelangten wir endlich in die Sonne. Von dort führt eine Schotterstraße abwärts zum dunklen Landauerseee, in dem Ingrid und ich einst ein Bad nahmen, um uns von dem lästigen Juckreiz zu befreien, der uns nach einer Gstauda-Abkürzung malträtierte.

Beim Knappenkreuz gelangen wir endlich in die Sonne

Beim Abstieg zum Landauersee konnten wir auch bereits gut das weitere Aufstiegsgebiet einsehen, in einer schnurrgerade nach oben verlaufenden Schneise inmitten eines Latschengürtels müsste der Durchstieg gelingen.

Abstieg zum Landauer See. Könnte die gerade von der Bildmitte nach rechts oben ziehende Schneise in den Latschen ein Aufstiegsweg sein?
Am Südufer des Landauer See’s

Zunächst vom See zu der etwas oberhalb liegenden Hütte und dort einem deutlichen Steig auf eine ebene, sumpfige Wiesenfläche folgen. Und dann halt „irgendwie“ hinauf. Irgendwann standen wir bei den Latschen an. Da aber in meinem GPS (ja, ja – ich hätte halt früher schauen müssen) etwas weiter östlich ein Steig eingezeichnet war, dürfte die Latschenzone nicht zu breit sein.

Natürlich muss ein Wasserl mit einem Foto entsprechend gewürdigt werden.

Und da die Latschen auch nicht zu dicht standen, war es ohne größere Kratzer möglich, die freie Wiesenrinne zu erreichen, die wir bereits vom See aus überblicken konnten. Erst viel weiter oben hatten wir dann einen guten Ein- und Überblick, um zu erkennen, dass es noch ein wesentlich besseres Steigerl, schräg durch die Latschen ansteigend, gegeben hätte.

Der steilste Abschnitt liegt hinter uns. Jetzt kann auch ich wieder den Ausblick hinüber ins Giglachkar genießen.

Wie dem auch sei, für Martin war es ohnehin kein Problem und ich keuchte halt langsam(st)en Schrittes bergwärts. An einem kleinen Hütterl vorbei wurde es wieder flacher, die Schwarzbeersträucher oranger und rötlicher und die Schwarzbeeren süßer und köstlicher.

Steiler, schweißtreibender Aufstieg zu einem kleinen Hütterl

Natürlich nutzten wir die Gelegenheit. Vor allem auch ich, um etwas zu verschnaufen. Und um zu fotografieren. Bild um Bild der schönen Herbstpracht fing ich ein, aber auch unsere 3 Gipfelziele – Vogelsang, Kornreitwipfl und Schiedeck – wurden eifrig abgelichtet. Auf der anderen Seite das weitläufige urtümlich wirkende Giglachkar, eingerahmt von etlichen Bergen, die wir im letzten Jahrzehnt bei unseren Jahrestreffen besucht und überschritten haben. Lediglich der im Nordwestkar bereits schneebedeckte Elendberg würde uns immer in unangenehmer Erinnerung bleiben und sicher nicht mehr sehen.

Herbstlich gefärbte Schwarzbeersträucher, die Südseite des unscheinbaren Kornreitwipfl (rechts oberhalb der Bildmitte) und dazwischen ein wahrlich f…king strong man.

Schritt für Schritt führt uns weiter hinauf in die Leiterscharte, wo sich der Ausblick nun nach Norden öffnet. Direkt zu Martin’s Zuhause und am Horizont die höchsten Dachsteingipfel. Darüber makellos blauer Himmel. Wieder hatten wir ein ideales Wanderwetter abgewartet.

Blick von der Leiterscharte nach Norden bis zu den höchsten Dachsteingipfeln.

Nun ging es weiter – zunächst zur „Absicherung“ auf den östlich gelegenen Vogelsang. Erstens ist es für einen Vögel-Fotografen Pflicht, auf einem Gipfel dieses Namens zu stehen, auch wenn es ganz ruhig und kein Zwitschern zu vernehmen war. Und zweitens konnte ich mich nicht mehr genau erinnern, ob Ingrid und ich bei unserer Skitour vor mehr als 14 Jahren auch tatsächlich am Gipfel gestanden sind. Es war still und einsam hier heroben. Aber dennoch nicht so leise, als dass wir nicht die 12-Uhr-Sirene gehört hätten (ein nachträglicher Track-Vergleich ergab: Die AlpenYetis waren bereits einmal hier).

Am Vogelsang-Gipfel – ganz im Hintergrund: Höchstein und Hochwildstelle

Mögliche Aufstiegsvarianten auf den nächsten Gipfel im Westen aus der Ferne ausgekundschaftet, wieder zurück in die Leiterscharte und nächster Anstieg auf den doch recht steilen Kornreitwipfl, auch Kornreitwiftl genannt.

Kornreitwipfl (der „Kleine“ rechts) – dieses Mal seine Ostseite. Links dahinter das höhere Schiedeck.

Am letzten Stück wechselten wir dann von der felsigen Ost- auf die grasige Westseite und schwupps standen wir am höchsten Punkt dieser auffälligen Pyramiden-Erhebung. Martin’s Berg-App zeigte an, dass sich auf diesem Gipfel erst überhaupt ein einziger eingeloggt hatte. 2015 war es gewesen.

Die Westseite des Kornreitwipfl mit der einfachsten Anstiegsroute.

Blick Richtung Westen. Wo würde es da am einfachsten auf das Schiedeck hinauf gehen. Aus der Ferne und in Frontalansicht schaut alles sehr steil aus. Beim Näherkommen hätten sich aber doch einige Varianten ergeben – wie entschieden uns für einen recht einfachen Grasaufschwung rechts an den zwei „Tuttln“ vorbei und direkt auf ein Steinmandl zu, welches den Höhenweg anzeigt, der von der Hochwurzen zum Giglachsee führt.

Wo geht es hier am einfachsten auf das Schiedeck. Wir haben uns für die Querung der Nordostseite bis zum Gipfelaufschung auf der rechten Seite entschieden.

Das Gipfelkreuz am Schiedeck scheint schon nah, aber der letzte Anstieg zieht sich dann doch noch ganz schön. Endlich oben, Bilder gemacht und niedergesetzt. Ziiischschsch – 2 Doserln geöffnet – aaah, herrlich kühl und gschmackig. Die sonst übliche Diskussion, trinken wir zuerst Deine oder meine, wurde heuer ziemlich kurz gehalten. Wir trinken einfach alle Vorräte auf einmal. So viel war es dann ohnehin nicht. Aber doch genug für ein nettes „Familienfoto“.

Beim Gipfelkreuz am Schiedeck …
… wird ein nettes Familienfoto gemacht.

Apropos Foto. Auch wenn Martin heuer erstmals auf seine schwere Spiegelreflex-Ausrüstung verzichtet hat und stattdessen auf eine Fixfestbrennweitenkamera von Fuji und auch auf sein Handy gesetzt hat, so haben wir doch wieder etliche Fotos gemacht. In Summe und am Ende des Tages werden es zwar nicht 2.500 Objekte gewesen sein, die sich da auf unseren Speicherkarten befanden. Aber dennoch eine gehörige Anzahl. Am meisten wohl vom Kornreitwipfl, aus allen Himmelsrichtungen, von frühmorgens bis zum Sonnenuntergang. Aber alles ganz harmlos, legal und auf Privat-Speicherkarten, als kein #Wipflgate.

Ausblick über den Landauer See auf nicht ganz 2.500 Gipfel der Schladminger Tauern.

Einige Bergwanderer, hauptsächlich Innen, kamen uns nach zum Schiedeck-Gipfelkreuz. Der bietet aber wahrlich genug Ausweichmöglichkeiten, etwas beschränkt allenfalls durch die Hinterlassenschaften der Schafe.

Am Höhenweg von der Hochwurzen zum Giglachsee.

Nach der „Familienaufstellung“ und dem Genuß von gefühlt 15 Würsten (Cabanossi classic, Landjäger und feurig-scharfe kleine Dinger namens Genußwurzn oder so ähnlich), bei denen mir Martin an Hand eines Fotos offenbarte, dass er ein „Wechselwähler ist, machten wir uns auf den Weiterweg 🙂

Kleinere und …
… größere Wässerchen am Weg zur Ignaz-Mattis-Hütte.
Blick zurück zum Schiedeck
Archaische Landschaft

Keine Pause wollten wir bis zur Ignaz-Mattis-Hütte mehr einlegen. Aber natürlich kommt man in dieser großartigen, archaischen Landschaft an den kleineren und größeren Gewässern nicht vorbei. Der größte von ihnen ist der Brettersee, die 2 fotogensten allerdings lagen etwas weiter östlich.

Der Brettersee kommt ins Blickfeld
Der Brettersee ist der größte See …
… zwischen Hochwurzen und Ignaz-Mattis-Hütte.
Einige andere Gewässer …
… faszinieren mich aber noch mehr …
… und das nicht nur, weil ich hier als Fotomodel fungieren darf (Foto (c) by Martin Huber). Im Hintergrund der Höchstein.

Traumhaft, großartig, wunderherrlich. Welche Landschaft. Ich war zwar noch nie in Schottland – aber so stelle ich mir die schottische Hochebene vor. Vielleicht noch ein bisschen gemischt mit einem Nationalpark im hohen Norden Schwedens, von denen ich schon so viel gelesen habe.

Am südlichen Ende unserer Route wartet dann der Giglachsee.

Die Sonne heizt auch jetzt am späten Nachmittag noch zünftig vom noch immer wolkenlosen Himmel. Dementsprechend ausgedürstet kleben unsere Zungen am Gaumen. Und mit jedem Meter, den wir uns jetzt der Ignaz-Mattis-Hütte tief unter uns annähern, werden unsere Schritte schneller. Fast schon schweben wir bergab. Ein letzter Turbo wird gezündet, als sich die anfangs noch weitgehend menschenleere Westseite der Hütte, direkt am warmen Holz, allmählich mit Wanderern zu füllen beginnt.

Giglachsee mit Ignaz-Mattis-Hütte: Panoramafoto (c) by Martin Huber – Klick zur Vergrößerung

Aus allen Himmelsrichtungen scheinen die jetzt zeitgleich heran zu strömen. 2 Tische wären noch leer. Das verleiht Flügel, da braucht man keinen zuckersüßen Energy-Trink. 1 Tisch nur noch. Wirklich im letzten Abdruck lassen wir uns nieder. Und schon schaut die nächste Gruppe um die Ecke.

Beinahe zeitgleich strömen jetzt aus allen Himmelsrichtungen die Wanderer zur Ignaz-Mattis-Hütte (rechts der Bildmitte).

Aber uns kriegt von hier keiner mehr weg. Herrlichste Temperaturen und das auch noch um 17 Uhr. Die Sonne meint es gut mit uns. Der Wirt auch – der hat nämlich „zufällig“ noch 2 gekühlte Humpen für uns. Quasi die freilaufenden Cousins von unserer Familienaufstellung am Schiedeck. Noch während wir den ersten Schluck machen – es sollte zugleich auch schon fast der letzte aus diesem Glas sein – ordert Martin bereits den Nachschub.

Die „offenen“ Cousins unseres Familien-Picknicks am Schiedeck.

Hatten wir doch versprochen, dieses gemütliche Platzerl erst zu verlassen, wenn sich auch die Sonne hinter die Bergspitzen zurückzieht. Ich weiß jetzt nicht einmal mehr, ob letztendlich die Steirische Kalkspitze das besagte Hindernis war oder eine der sonstigen umliegenden Erhebungen.

Wir gehen hier erst wieder, wenn die Sonne untergeht.

Aber sobald die Sonne weg ist, wird’s rasch kühler – und außerdem hatten wir noch einen langen Rückweg vor uns. Hinab zum Giglachsee, ein Schluck kaltes Quellwasser bei einer der Almhütten und dann entlang des Schotterweges im Schatten nordwärts.

AlpenYeti vor dem Giglachsee (gigantisches Foto von (c) Martin Huber)

Beim Knappenkreuz vereinigt sich die Abstiegsroute wieder mit der morgendlichen Anstiegsroute. Aber nur kurz, denn in der zunehmenden Dunkelheit wählen wir nun auch für das untere Ende den Ausklang über die Forststraße, wodurch wir auf Stirnlampen verzichten konnten.

In zunehmender Dunkelheit geht’s hinab ins Tal.

Warum wir für den Abstieg so lange gebraucht haben und erst in stockdunkler Nacht beim Auto ankamen, kann ich jetzt gar nicht mehr sagen. Waren es die anregenden Plaudereien oder der Hopfensaft, der meine Schritte so träge gemacht hat. An Martin ist es sicher nicht gelegen. Denn er ist wahrlich – und bevor ich es ausspreche / schreibe – möchte ich noch erwähnen – es war mir wieder eine Ehre und ein Vergnügen – denn Martin ist unbestritten ein f*…piep…*king strong man 🙂

Des wor wieda a Super Tagerl 🙂

Gemeinschaftswanderungen mit Martin von 2008 bis 2021:

  1. Krügerzinken – 06.08.2008 (1.340 hm – 15,3 km – 8,25 Std)
  2. Wildkarsee – 08.09.2009 (1.330 hm – 16,1 km – 7,5 Std)
  3. StegerkarWildkarHerzmaierkar – 22.08.2010 (1.560 hm – 21 km – 11,5 Std)
  4. Steinkarzinken – Seekarzinken – Sonntagkarzinken – 10.09.2011 (1.670 hm – 19,7 km – 11,25 Std)
  5. Engelkarspitze 06.10.2012 (1.110 hm – 13,5 km – 8,5 Std)
  6. Klafferkessel – Greifenstein – 03.08.2013 (1.690 hm – 24,5 km – 12,25 Std)
  7. Elendbergsee – Pfeifer – 11.10.2014 (1.730 hm – 22,9 km – 12 Std)
  8. DuisitzkarseeMurspitzen – 26.10.2015 (1.290 hm – 20,8 km – 10 Std)
  9. Elendberg 2.0 – Eiskarsee – 07.08.2016 (1.550 hm – 20,5 km – 11 Std)
  10. Vetternspitzen – Sauberg – 14.10.2017 (1.435 hm – 23,5 km – 11,75 Std)
  11. Giglachalmspitze – Knappensee – 27.09.2018 (1.385 hm – 21,8 km – 11 Std)
  12. Buckelkarseen – Grobfeldspitze – 13.09.2019 (1.410 hm – 17,7 km – 10,75 Std)
  13. Lignitzhöhe – Talkensee – Zinkwand – 19.09.2020 (1.852 hm – 22,9 km – 10,75 Std)
  14. Vogelsang – Kornreitwipfl – Schiedeck – 25.09.2021 (1.778 hm – 25,8 km – 12,25 Std)

Liebe Grüße – Dein / Ihr / Euer Christian

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