Ruachlertour im Sengsengebirge: Hoher Nock – Gamsplan – Wagenschartenspitze

Ausgerechnet an diesem herrlichen Mittwoch war am Vormittag in der Firma eine Besprechung angesetzt. Natürlich geht die Arbeit da vor – selbst in Zeiten von Corona-Kurzarbeit. Aber insgeheim liebäugelte ich doch damit, dass der Termin pünktlich zur festgesetzten Zeit um 10:30 Uhr enden würde. Bis 11:00 Uhr wäre auch noch OK, denn dann würde ich meinen Wanderplan noch umsetzen.

Gipfelkreuz am Hohen Nock

Es sollte heute in Österreich zwar ein heißer Tag werden, ich war mir aber ziemlich sicher, dass das nicht für die Gegend um Windischgarsten gelten würde. Und deshalb hatte ich mir auch einen südseitigen Anstieg zurechtgelegt.

Nun, die Besprechung war noch schneller beendet als erhofft und so konnte ich bereits um 09:50 Uhr aus dem Büro. Meinem Tourenplan würde jetzt nichts mehr entgegen stehen, zumal es draussen im Freien nach einem recht frischen Morgen mit einstelligen Temperaturen auch jetzt am Vormittag noch nicht wärmer als 16 bis 17 Grad Celsius geworden ist.

Wanderrunde im Sengsengebirge: Rot = Aktuelle Tour 2020 im Uhrzeigersinn, Blau = Unsere Runde 2009 entgegen dem Uhrzeigersinn

Landkartenausschnitte © BEV 2009, Vervielfältigt mit Genehmigung des BEV © Bundesamtes für Eich- und Vermessungswesen in Wien, T2009/52304

Anfahrt über Rading zum Wanderer-Parkplatz Rettenbach. Da hatten wohl schon einige Wanderer vor mir dieselbe Idee. Auf geht´s – durch den schattigen Wald. Die Temperaturen waren hier angenehm. Zügig kam ich voran. Der Aufstieg bis zum Hohen Nock ist mit 3 Stunden 30 Minuten angeschrieben. Ich rechnete etwa mit 3 Stunden.

Aufstieg im Budergrabensteig. Dort wo man in der Sonne geht, sorgt ein frisches Lüfterl für willkommene Abkühlung.

Weiter oben über den Budergrabensteig gelangt man zwar häufig in die Sonne, hier gab es aber bereits Abkühlung durch einen angenehm-frischen Wind. Gelegentlich kamen mir Wanderer von oben entgegen. Insgeheim rechnete ich mir aus, wieviele von den ca. 10 geparkten Autos damit schon vom Parkplatz abfahren würden.

Bei unserem ersten Besuch am Hohen Nock waren wir irdendwo da oben über den Hagler abgestiegen.

Für meine Verhältnisse war ich zwar recht schnell unterwegs, zumal ich auch nicht allzu viele Fotos machte. Dass es aber noch wesentlich schneller geht, zeigte mir ein Sportler ohne Rucksack und mit Laufschuhen, der „das Feld von hinten aufrollte“ und an mir vorbeizog.

Beim Merkensteinbründl war es dann an mir, einen Wanderer zu überholen und weiter oben bei der im Latschengewirr weit ausholenden Linkskurve ließ ich eine Dreiergruppe hinter mir.

Auf den letzten Metern auf den Hohen Nock wird es felsig und steil

Jetzt wartete nur mehr der lange recht flache Übergang nach Nordwesten und zuletzt der steile Felsaufschwung zum weiten Wiesen-Plateau mit dem Gipfelkreuz am Hohen Nock.

Gipfelkreuz am Hohen Nock

Eine Wanderin hielt im Gras ein Nickerchen, ein junger Bursch kam gerade über den Nordanstieg herauf. Von wegen „heißer Tag“. Frischer Wind pfiff über den Gipfel. Ohne Jacke wäre es zu kalt gewesen und sogar ein Stirnband war hier angesagt.

Kohlröserl am Hohen Nock

Für eine kurze Pause ließ auch ich mich im Gras nieder, lange bleiben wollte ich aber nicht. Denn ich war mit 2 Stunden und 25 Minuten wesentlich schneller am Gipfel als errechnet und deshalb wollte ich auf jeden Fall noch eine kleine „Verlängerung“ einbauen.

Am Wiesenplateau am Hohen Nock mit herrlichem Ausblick ins Tote Gebirge

Bei unserem ersten Besuch am Hohen Nock 2009 sind Ingrid und ich dann Richtung Westen zur Seehagelmauer weiter gewandert und dann über den Hagler abgestiegen.

Vor 11 Jahren sind wir in diese Richtung weiter gezogen.

Heute lag mein nächstes Gipfel-Ziel weiter im Südosten: Gamsplan. Dort soll ebenfalls ein Gipfelkreuz stehen, auch wenn ich es aus der Ferne nicht erkennen konnte.

Aufstieg an der Felskante bzw. durch Latschen auf den Gamsplan-Gipfel (rechts). Zur Wagenschartenspitze geht es oben nach links.

Ein kurzes Stück gehe ich also zunächst am Anstiegsweg zurück und zweige dann weglos auf dem mit blauen Punkten und Steinmandl gekennzeichneten Steig nahe am Felsabbruch bzw. in den Latschen aufwärts. Oben gibt es dann tatsächlich ein kleines, aber feines Gipfelkreuz.

Mein 2. Gipfelziel: Gamsplan. Dann würde ich nach links weiter wandern (das wusste ich zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht).

Noch immer ist es recht früh, unten im Tal würde es jetzt sicher recht warm sein, während ich hier auf meinem 2. Gipfel angenehme Temperaturen genoss.

Gamsplan-Gipfelkreuz

Moment, leiten da Steinmandln Richtung Osten? Ein weiterer unmarkierter Steig? Bis zum Gamsplan hatte ich mich schlau gemacht. Ein Weitergehen würde aber unbekanntes Neuland darstellen. Landkarte hatte ich keine mit. Am GPS konnte ich mir aber ausmalen, dass weiter im Südosten ein Jagdsteiglein von der Giereralm talwärts führen würde.

Blick zurück zum Hohen Nock

Das müsste eine lässige Runde sein. Kraft und Getränke hatte ich noch zur Genüge. Also mache ich mich auf den Weg Richtung Osten. Über steinige Gräben und durch Latschengassen. Manchmal etwas steiler, aber nie schwierig oder gar gefährlich.

Verlockender Felszapfen: Die Wagenschartenspitze

Über einen letzten steilen Anstieg stehe ich dann auf einem kühnen Felsklotz auf dem sich zu meiner Freude sogar ein Mini-Gipfelkreuz findet. Am GPS ist dieser Gipfel gar nicht eingezeichnet (auch in den digitalen Karten zu Hause finde ich keinen Hinweis): Wagenschartenspitze 1.842m steht im Gipfelbuch.

Das kleine Gipfelkreuz auf der 1.842 Meter hohen und in den Landkarten nicht bezeichneten Wagenschartenspitze.

Großartig, eine Tour genau nach meinem Geschmack. Auf einer unmarkierten Route zu einem neuen Gipfel. Laut Gipfelbuch dürfte dieser Berg aber dennoch gar nicht so selten besucht werden.

So, wo jetzt weiter. Zurück zum Gamsplan? Nein, besser weiter Richtung Osten bis eventuell zum Giereranger und von dort hinab zur Giereralm, wo in meiner GPS-Karte ein Jagdsteig begann.

Doch wieder zurück von der Wagenschartenspitze zum Gamsplan? Nein, ich schlage mich durch die Latschen und über Steilhänge nach unten.

So einfach war das aber nicht mit „einfach nach Osten zum Giereranger“. Ich mühte mich durch die zunehmend dichter werdende Latschengasse, die irgendwann an einem senkrechten Felsabbruch endete. Also wieder zurück, die Beine und Arme zerkratzt. Der Latschenstaub verursachte Hustenreiz.

Nein da weiter unten müsste der richtige Einstieg sein, an einem Felsen ist ein verblasster roter Kreis erkennbar und ein Stoamandl ist ebenfalls deutlich sichtbar. Also weiter runter und erneut hinein in die Latschen.

„Ruachlergelände“ zur verfallenen Giereralm

Abermals landete ich in einer Sackgasse. Das gibt es doch nicht. So übervoll mein Getränkevorrat zuvor noch war, hieß in der stehend-heißen Luft in den Latschen wurde er ordentlich geschmälert. Wieder zurück. Der Rückweg gleich mühsam.

Die Gams (Bildmitte) hat es ja auch nach unten geschafft, also kann das für einen AlpenYeti ja kein Hindernis darstellen.

Schön langsam reichte es mir. Wieder über Dutzende schweißtreibende Höhenmeter aufwärts fast bis zum Gipfel. Das ist doch ganz deutlich ein Farbklecks auf einem Felsen. Und weiter unten noch einer. Also neuerlich abwärts und der nächste Versuch in eine weiter unten liegende Latschengasse hinein. Hier kam ich sogar zu einer freien Wiese auf der ich eine Gams aufschreckte. Nachdem ich durch die einzige freie Gasse gekommen bin, läuft sie aufgeschreckt einige Runden auf der Wiese im Kreis. Auch mein Zuspruch, dass sie von mir nichts zu befürchten hätte, konnte sie nicht besänftigen. Schließlich hüpfte sie über die Latschen hinweg in offeneres Wiesen-Steilgelände.

Ich steckte hier ebenfalls wieder fest. Schön langsam reichte es mir (sagte ich das nicht schon einmal). Die festgesetzte Zeit bis zu der ich mir einen „wilden“ Abstieg suchen wollte, war längst verstrichen. Also doch wieder am Anstiegsweg zum Gamsplan zurück? Dann konnte ich wenigstens am Merkensteinbründl Wasser fassen.

Oder doch noch ein letzter Versuch? Die steile Wiesenrinne hinab. Hier war dann über senkrechten Felsabstürzen aber endgültig Schluß. Aber weiter unten entdeckte ich die geschockte Gams wieder. Könnte es sein, dass ich weiter im Westen runter komme.

Nächster Versuch, nächste grasbewachsene Steilrinne – wieder Felsen. Aber jetzt war ich mir ganz sicher: Noch einmal etliche Höhenmeter aufwärts und dann neuerlich nach Westen. Und endlich – hier fand ich die ersehnte Abstiegsmöglichkeit.

Aber auch weiter unten im zunehmend flacher werdenden Gelände warteten weitflächige, undurchdringbare Latschenfelder, die ich großräumig umgehen musse. Ich hielt mich jetzt zunehmend an die höheren Bäume, darauf hoffend, dass sich in ihrem Umfeld nicht so viele Latschen befinden würde. Latschen weniger, dafür halt recht viel „Grünzeugs“. Brennende Brennessel inklusive.

Im Umfeld der Giereralm, Licht am Ende des Tunnels erkennend, war ich dann zu stolz, um mich mit Hilfe des GPS zum eingezeichneten Jagdsteig durchzuschlagen. Den Weg würde ich auch locker so mit Hilfe meines Orientierungssinns und etwaiger Geländehinweise finden. Denkste.

Natürlich der nächste Verhauer – ich war zu weit westlich und gelangte immer mehr in steiles Felsengelände. Also neuerlich aufwärts. Schön langsam geht mir das auf den Nerv. Der Getränkevorrat schrumpft zusehends.

Endlich habe ich den Steig gefunden. Da geht´s rüber zu den Felswänden.

Und dann endlich: Ganz deutlich – blaue Punkte, Stoamandln, Steigspuren. Über ein Schotterfeld, unter auffällig-überhängenden Felswänden hindurch und schließlich in den Wald hinein.

Jetzt bin ich mir sicher, dass ich es schaffen würde, auch wenn ich weiter unten im Wald die blauen Punkte und Steinmandln aus den Augen verlor.

Hier verliere ich den Steig immer öfter aus den Augen, aber die Orientierung ist auch nicht mehr allzu schwierig. Östlich vom Schwarzgraben und zuletzt weiter vom Richtung Mehlboden verlaufenden Steig abweichend laufe ich ziemlich direkt den laubbedeckten, weichen Waldboden hinab.

Abwärts in den Wald hinein. Da war es mir dann egal, dass ich den Steig immer wieder aus den Augen verlor.

Eine Wohltat, als ich endlich den Forstweg erreiche. In dem parallel dazu verlaufenden Fischbach genehmige ich mir ein erfrischendes Fussbad und eine Kopfwäsche. Jetzt konnte ich mir Zeit lassen, warteten doch nur noch 2 unspektakuläre Kilometer über etwa 100 Höhenmeter talauswärts auf mich.

Irgendwann schein der Fischbach komplett zu versiegen und kurz vor der Ankunft beim Ausgangsparkplatz beginnt der in der Nähe entspringende Rettenbach zu rauschen.

Zurück beim Auto. Nur noch ein weiteres Fahrzeug am Parkplatz. Rückblickend war es ja doch wieder eine lässige Runde. Die Strapazen sind vergessen. Ich weiß nicht, wo und wann ich den Begriff das erste Mal gelesen oder gehört habe, aber bei solchen Touren fällt mir immer der Begriff „Ruachlertour“ ein.

Nachdem Ingrid mit „Ruachler“ gar nichts anfangen konnte, musste ich erst einmal googeln, was das wirklich bedeutet. Ich habe damit halt immer sehr anstrengende, mühsame und häufig auch erdige / pechige Latschenkämpferein in Verbindung gebracht. Nach dem Motto: „Warum einfach, wenn´s kompliziert auch geht“ 🙂 .

Haxenzerkratzender Abstieg durch Latschen und Steilrinnen

Bei der Nachhausefahrt zeigte das Auto-Außenthermometer 22° C. Die prognostizierte Hitze in Österreich dürfte heute tatsächlich woanders stattgefunden haben.

Liebe Grüße – Dein / Ihr / Euer Christian

PS: Am nächsten Tag bemerkte ich am oberen Oberschenkel – fast schon in der linken Leiste – eine mittleren Zeck. Die „Operation“ dürfte erfolgreich verlaufen sein, denn nach dem Herausziehen wollte er sich „gar nicht kopflos“ verdrücken.

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