Graihorn als Faulkogel-Ersatz

Faul – Fauler – EDVauler 😉 So lautete unser Slogan, als sich mein damaliger Arbeitskollege und nunmehriger Veteranenfreund Herbie und ich zur „Freude“ unseres allmählich entnervten Chefs bereits zu Mittag aus dem Büro vertschüssten, um dem Faulkogel unsere Reverenz zu erweisen. Fast 1 1/2 Jahrzehnte sind mittlerweile vergangen und viel Wasser ist die in der Nähe entspringenden Enns hinuntergeflossen. Die Berufsbezeichnung hat sich in dieser Zeit mehrfach geändert, junge Kollegen wissen mit dem Begriff „e-de-vau“ nichts mehr anzufangen, ja selbst der Nachfolgebegriff „ei-tea“ klingt mittlerweile schon kräftig angestaubt. Wenn schon, dann zumindest „i-em-tee-ler“, der ehemalige Auswertungsfuzzy nennt sich nun hochtrabend Data Analyst oder gar Data Scientist.

Faulkogel über der Windischscharte

Faulkogel über der Windischscharte

Wie auch immer. Die Arbeit ist noch immer gleich interessant – heißt also: Es war wieder einmal an der Zeit, diesem formschönen Gipfel (Fans sprechen vom Pongauer Matterhorn) in den Radstädter Tauern einen Besuch abzustatten, zumal ich bei meinem ersten Besuch noch kein GPS und damit keine Track-Aufzeichnung habe. Von Norden kommend fahre ich auf der Tauernautobahn A10 bei der Ausfahrt Flachauwinkl ab, um dann der parallel dazu verlaufenden „Sackgassen-Straße“ bis zum Ausgangsparkplatz zu folgen. 4,5 Stunden Gehzeit schlägt der Wegweiser auf den Faulkogel vor. Immerhin eine Stunde weniger als bei meiner Bergtour auf das Große Ochsenhorn.

Rot die aktuelle Runde über 25 Kilometer und 1.650 Höhenmeter. Pink sind frühere Sommertouren, blau frühere Wintertouren.

Rot die aktuelle Runde über 25 Kilometer und 1.650 Höhenmeter. Pink sind frühere Sommertouren, blau frühere Wintertouren.

Landkartenausschnitte © BEV 2009, Vervielfältigt mit Genehmigung des BEV © Bundesamtes für Eich- und Vermessungswesen in Wien, T2009/52304

Ich rechne zwar insgeheim selbst als durchschnittlich schneller Geher mit kürzeren Wegzeiten, bei längeren Touren habe ich es mir aber angewöhnt, die Route gedanklich in kleinere „Portiönchen“ zu unterteilen. Und das gelingt beim Faulkogel sehr gut.

Abschnitt 1: Flachpassage im Almengebiet

Viele Höhenmeter macht man nicht, wenn man auf dem parallel zum Marbach verlaufenden Almweg zu den Marbachalmen wandert. Hier zeigt sich bereits deutlich der noch ferne Faulkogel im Süden. Linker Hand ein weiterer markanter Berg – das senkrecht zu den Almen abfallende Graihorn.

Noch ein langer Weg von den Marbachalmen (im Bild die Prechtlhütte) zum Faulkogel oberhalb der Bildmitte.

Noch ein langer Weg von den Marbachalmen (im Bild die Prechtlhütte) zum Faulkogel oberhalb der Bildmitte.

Ich ziehe an entspannten Kühen (den modernen Monstern der Alpen) vorbei, verlasse die Almstraße und nehme den abkürzenden Steig etwas steiler bergan zur Ursprungalm. Diese Route sind wir in etwa auch bei unserer heurigen Skitour auf das Liebeseck gegangen.

Der Faulkogel war das eigentliche Gipfelziel. Das Graihorn (links) ist es geworden.

Der Faulkogel war das eigentliche Gipfelziel. Das Graihorn (links) ist es geworden.

Der erste Abschnitt verläuft größtenteils im Schatten und überdies ist es jetzt am frühen Morgen noch angenehm kühl. Allzu viel Aufmerksamkeit widme ich meiner Umgebung hier noch nicht. Zum einen kenne ich die Gegend bis zur Ursprungalm schon recht gut und zum anderen bin ich in Gedanken schon weiter oben.

Bei der Ursprungalm. Rechts der Bildmitte findet sich ein Durchschlupf durch die Felswand.

Bei der Ursprungalm. Rechts der Bildmitte findet sich ein Durchschlupf durch die Felswand.

Zuvor gilt es aber noch einen Durchschlupf in den unüberwindbar scheinenden Felswänden zu finden.

Abschnitt 2: Steilpassage zur Neukarscharte

In Zick-Zack schlängelt sich das Steiglein geschickt über steile Hänge empor, an einigen Stellen von Steinlawinen verschüttet.

Das Steiglein leitet teilweise über Steinschuttfelder.

Das Steiglein leitet teilweise über Steinschuttfelder.

Der steile Steig ins Neukar vom Graihorn aus gesehen (von rechts unten nach links oben).

Der steile Steig ins Neukar vom Graihorn aus gesehen (von rechts unten nach links oben).

Ein grünes Grasband wird geschickt ausgenützt und zuletzt geht es in einer abschüssigen Enge mit Hilfe eines Drahtseils in die Felsen. Darüber wird es wieder flacher und grüner. Bei einer Weggabelung zeigt eine Tafel noch 2 Stunden auf den Faulkogel, nur unwesentlich länger wäre es auf das Große Mosermandl.

Mit Seilunterstützung durch die Felsen hinauf ins Neukar

Mit Seilunterstützung durch die Felsen hinauf ins Neukar

An blühenden Blumen vorbei, liefern kleinere Schneefelder einen Hinweis, woher die kalten (aber angenehmen) Luftströmungen kommen.

Die Murmeltier-Baue sind hier etwas größer als anderswo

Die Murmeltier-Baue sind hier etwas größer als anderswo

Bald stehe ich in der Neukarscharte (2.257). „Alpine Erfahrung, Trittsicherheit und Schwindelfreiheit erforderlich“ mahnt eine Tafel des Alpenvereins.

Abschnitt 3: Felspassage zum Gipfel

Das Gelände wird jetzt merkbar anspruchsvoller, bei trockenen Verhältnissen aber gut bewältigbar. Der erste seilunterstützte Felsaufschwung ist bald gemeistert, das Steiglein schlängelt sich in der Folge über brüchiges Gestein und lose Erde.

Ab der Neukarscharte wird es alpiner.

Ab der Neukarscharte wird es alpiner.

Fast erschrecke ich, als mir – in Gedanken versunken – eine Wanderin entgegenkommt. Sie hat weiter oben kehrt gemacht, eine hartes Schneefeld in einer Schlucht hat sie als zu gefährlich eingestuft. „Es zoit si nit aus“. Nach einigen Worten trennen wir uns wieder. Sie abwärts, ich aufwärts. Anschauen, wollte ich mir die Verhältnisse schon. Und dann stand ich auch schon davor.

Um eine Felskante herum ...

Um eine Felskante herum …

Das schaut ja gar nicht so schlimm aus. Über viele lose faust- bis kopfgroße Steinbrocken, deren Herkunft mir wenig später bewusst wird, stapfe ich hinauf zum Schneefeld. Hart ist der Schnee – da möchte ich nicht drüber gehen. Linker Hand schaut zunächst gar nicht so schlimm aus. Allerdings hat ein Schmelzwasser-Bächlein die glatten Felsen in der Randkluft ordentlich „eingeseift“. Wenn ich wüsste, ob das die einzige Schlüsselstelle ist, würde ich es wagen. Aber was, wenn es weiter oben in dieser Tonart weitergeht. Ein paar Schritte absteigen.

Die Schlucht mit dem Hartschneefeld schaut auf den ersten Blick gar nicht so schlimm aus. Aber links sind die Felsen durch das Schmelzwasser glitschig und rechts liefert kurz darauf eine kleine Steinlawine dem Steinhaufen Nachschub.

Die Schlucht mit dem Hartschneefeld schaut auf den ersten Blick gar nicht so schlimm aus. Aber links sind die Felsen durch das Schmelzwasser glitschig und rechts liefert kurz darauf eine kleine Steinlawine dem Steinhaufen Nachschub.

Überlegen. Wie schaut es rechts aus. Trockene Felsen. Einige gute Tritte und Griffe. Könnte ich oberhalb des Schneefeldes drüber klettern? Aber wieder dieselbe Frage: Wie geht es oben weiter? Steigeisen wären gut. Aber wer denkt schon im Hochsommer bei Hitzerekorden auf „halbhohen“ Gipfeln in den Niederen Tauern daran.

Wie mag es weiter oben weitergehen?

Wie mag es weiter oben weitergehen?

Nochmal links geschaut. Ist mir definitiv zu glitschig. Im Aufstieg vermutlich machbar, ich muss da aber wieder runter. Also Entscheidung: Ich kraxl rechts über die trockenen Felsen rauf. Genau in dem Moment ist von weiter oben in der Schlucht Gerumpel vernehmbar und wenige Augenblicke später poltert eine kleine Steinlawine genau in der von mir gedachten Aufstiegslinie herunter und etwa einen Meter an mir vorbei die Schlucht hinab.

Die Warnung kommt nicht von ungefähr. Aber bei Steinschlag hilft auch alpine Erfahrung nichts.

Die Warnung kommt nicht von ungefähr. Aber bei Steinschlag hilft auch alpine Erfahrung nichts.

Das war´s. Ich dachte an die Worte der Wanderin: „Es zoit si nit aus“. Und außerdem hatte ich der AlpenYetin versprochen, heute einmal aufzupassen 😉 .

Ich werde es mit dem Rosaroten Panther halten: „Heute ist nicht alle Tage, ich komm wieder, keine Frage“. Rasch habe ich mir ein Ersatzziel ausgedacht. Erstens war ich ohnehin noch nie beim Neukarsee und zweitens gibt es in  der Nähe eine weitere Tour, von deren ersten Beschreitung ich ebenfalls noch keine GPS-Aufzeichnung habe: Und zwar vom Graihorn zur Windischscharte.

Planänderung: Neukarsee (rechts) – links das Aufstiegsgebiet über die Marbachalmen.

Die Alternative

Heute schaue ich mir den Faulkogel über dem Neukarsee nur von unten an.

Heute schaue ich mir den Faulkogel über dem Neukarsee nur von unten an.

Zunächst steige ich aus der Neukarscharte weglos über Blockgstein hinab zum Neukarsee, wo ich mich angesichts des noch jungen Vormittags aber nicht lange aufhalte. Weiter geht es entlang der Markierung wieder aufwärts in die Windischscharfte (2.304), wo ich mir bei einem haushohen Felsblock ein gemütliches Jausenplatzerl suche. Einige Wanderer kommen vom Mosermandl herunter, kurz überlege auch ich, den etwa einstündigen Aufstieg in Angriff zu nehmen. Allerdings ziehen hier direkt am Hauptkamm allmählich aus Süden dichtere Wolken auf, beim Blick in die wolkenverhangene Gletscherwelt um Hochalmspitze und Ankogel bin ich froh, heute im Norden geblieben zu sein.

In der Windischscharte suche ich mir ein gemütliches Jausenplatzerl.

In der Windischscharte suche ich mir ein gemütliches Jausenplatzerl.

Also wird mein nächstes Ziel die Überschreitung der unspektakuläre Erhebung des Graikopf sein. Von hier ist es nur mehr ein kurzes Stück „hinab auf meinen nächsten Gipfel“ – das Graihorn. Aber zuvor genehmige ich mir noch ein Schläfchen in den blumenbewachsenen Wiesen des Hochplateaus.

Weitläufiges Gasthofkar

Weitläufiges Gasthofkar

Am Graihorn steht noch immer dasselbe Gipfelzeichen, wie bei meinem ersten Besuch vor 14 Jahren. Der über die Marbachalmen 1.000 Höhenmeter emporragende und so unzugänglich wirkende Gipfel lässt sich von der Südseite her sehr einfach ersteigen.

Gipfelzeichen am Graihorn

Gipfelzeichen am Graihorn

Abgestiegen wird Richtung Osten, dem markanten Hochbirg entgegen, welches ich 2010 besuchte. Der Gipfel könnte durchaus einer Western-Szenerie entsprungen sein.

Das Hochbirg habe ich 2010 über die Abendweide bestiegen.

Das Hochbirg habe ich 2010 über die Abendweide bestiegen.

Der weitere Abstieg verläuft über die verfallene Obere Gasthofalm und bald steiler durch den Wald, an Lawinenverbauungen vorbei und schließlich entlang einer Forststraße über einige Kehren in das Steinbruchgebiet genau über dem Nordportal des Tauerntunnels. Der mehr als 3 Kilometer lange Rückweg zum Parkplatz auf der staubigen Asphaltstraße parallel zur lauten Tauernautobahn ist eher eine lästige Pflichtübung als ein Wandervergnügen.

Graihorn von Osten. Von Süden (links) gelangt man unschwierig auf den Gipfel.

Graihorn von Osten. Von Süden (links) gelangt man unschwierig auf den Gipfel.

Beim Wanderer-Parkplatz spendet ein unentwegt sprudelnder Brunnen (Leitung aus einem Felsblock) die sehnsüchtig erwartete Erfrischung.

Vom Tauerntunnel-Nordportal folgt noch ein eintöniger, staubiger, lauter, 3 Kilometer langer Straßenhatscher zurück zum Ausgangsparkplatz.

Vom Tauerntunnel-Nordportal folgt noch ein eintöniger, staubiger, lauter, 3 Kilometer langer Straßenhatscher zurück zum Ausgangsparkplatz.

Fazit der Tour: Der Faulkogel hätte es werden sollen, es hat aber heute nicht sollen sein. Ab er auch den Faulkogel aus der Nähe aus verschiedenen Richtungen zu sehen, hat seine Reize. Und das weite Gasthofkar hat noch einige Steigerln, die es verdienen würden, erkundet zu werden.

Liebe Grüße – Dein / Ihr / Euer Christian

Alpenblumen

Alpenblumen

Alpenblumen

Alpenblumen

 

 

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