Salzburg-Osttirol: Weißsee – Dorfer See – Medelzkopf

Nachdem es am Vortag auf der Scheichenspitze so angenehm warm war und für heute noch höhere Temperaturen prognostiziert wurden, habe ich am Karfreitag bei unserem Ausflug in die Hohen Tauern bei meinen Kleidungsreserven etwas gespart. Ein Fehler, wie sich bereits bei der Auffahrt mit der Seilbahn vom Enzingerboden zum Alpinzentrum Rudolfshütte herausstellte, als der starke Wind die Gondel ordentlich durchbeutelte und ins Schwanken brachte.

Kalter Wind beim Alpinzentrum Rudolfshütte: Vor uns unser Gipfelziel - der Medelzkopf (links). Rechts der Tauernkogel. Dazwischen der Kalser Tauern - der Übergang von Salzburg nach Osttirol. Von rechts unten verläuft schräg nach links oberhalb der Bildmitte jene Rampe, über die wir aufgestiegen sind.

Kalter Wind beim Alpinzentrum Rudolfshütte: Vor uns unser Gipfelziel – der Medelzkopf (links). Rechts der Tauernkogel. Dazwischen der Kalser Tauern – der Übergang von Salzburg nach Osttirol. Von rechts unten verläuft schräg nach links oberhalb der Bildmitte jene Rampe, über die wir aufgestiegen sind.

Zum Wind gesellten sich auch einige Wolken über den höheren Gipfeln, weshalb wir kurz mit dem Wetter haderten, als wir von der Rudolfshütte auf der Schipiste die ca. 50 Höhenmeter zum Südufer des Weißsee´s hinabfuhren. Hier im Kessel, wo gerade Dutzende Skitourengeher die Skifelle für den Aufstieg auf einen der umliegenden Touren-Klassiker wie Stubacher Sonnblick, Hohe Fürleg oder Granatspitze anlegten, war es aber relativ windgeschützt.

Im Umfeld des Weißsee´s. Fertigmachen für den Aufstieg.

Im Umfeld des Weißsee´s. Fertigmachen für den Aufstieg.

Nur wenige Minuten folgten wir der „Ameisenstraße“ Richtung Westen, um bald darauf südwärts über eine breite und im Mittelteil etwas steilere Rampe zum Kalser Tauern (auch als Kalser Törl bezeichnet) aufzusteigen. Hier an der Landesgrenze Salzburg-Osttirol pfiff uns der starke Wind wieder gehörig um Ohren und Nasen. An einen Aufstieg am hartgefrorenen Harschdeckel auf den Medelzkopf wollten wir jetzt noch nicht denken.

Kalser Tauern: Übergang zwischen Salzburg und Osttirol

Kalser Tauern: Übergang zwischen Salzburg und Osttirol

Stattdessen erhoffte ich mir bei einer Abfahrt nach Osttirol ins Dorfer Tal gute Firnbedingungen, auch wenn es oben am Sattel in 2.515 Meter Höhe noch nicht danach aussah. Da diese Route nur mein Plan C war, hatte ich mich nicht intensiv mit dem Abfahrtsgelände auseinandergesetzt. Ich wußte nur von den 2 Möglichkeiten: „Im Grund“ und „Erdiges Egg“, hatte aber gelesen, dass es sich um sehr steiles Gelände handeln sollte. Der obere Teil sah noch nicht danach aus, aber dann dürfte ein steilerer Geländeabbruch kommen, und wie es unten weitergehen würde, konnten wir nicht einsehen.

Abfahrt im Dorfer Tal. Ingrid in Bildmitte.

Abfahrt im Dorfer Tal. Ingrid in Bildmitte.

Schlimmstenfalls müssten wir halt bald wieder umkehren. Wir entschieden uns für die Abfahrtsvariante „Im Grund„. Auf den ersten Metern war die Schneeoberfläche noch sehr hart, schon bald aber glitten wir im herrlichen Firn tiefer. Und nach kurzer Zeit gewannen wir auch einen guten Überblick über das weitere Abfahrtsgelände hinunter zum Dorfer See – ein traumhafter breiter Kessel lag vor uns. Mit großer Freude glitten wir auf den mäßig steilen Hängen mit perfektem Firn talwärts.

Abfahrt ins Dorfer Tal. Noch konnte man über die Geländekante beim Erdigen Egg nicht drüberschauen.

Abfahrt ins Dorfer Tal. Noch konnte man über die Geländekante beim Erdigen Egg nicht drüberschauen.

Viel zu schnell lagen die 600 Abfahrtshöhenmeter hinter uns und hier in Osttirol war es in der Sonne und bei nahezu Windstille sehr angenehm. Kein Vergleich mit der anderen Passseite in Salzburg. So – Felle angelegt, jetzt ging es wieder zurück. Vorbei an respekteinflößenden Lawinenkegeln. Weiter oben im Nordwesten kamen jetzt kleinere Grüppchen von Abfahrern über das Granatspitzkees herab. Auch sie dürften beste Schneeverhältnisse erwischt haben.

Respekteinflößende Lawinenkegel im Dorfer Tal

Respekteinflößende Lawinenkegel im Dorfer Tal

Für den Aufstieg wählten wir im oberen Abschnitt die Route über das „Erdige Egg“ und noch vor dem Kalser Tauern strebten wir südwärts dem Westrücken des Medelzkopfes zu.

Aufstieg über das Erdige Egg. Im Hintergrund das Granatspitzkees, über welches immer wieder Tourengeher herabfuhren.

Aufstieg über das Erdige Egg. Im Hintergrund das Granatspitzkees, über welches immer wieder Tourengeher herabfuhren.

Wir hatten gelesen, dass die Schneebedingungen nur selten für einen Aufstieg mit Ski passten und deshalb eher mit Steigeisen aufgestiegen wird. Der Westrücken / Westhang ist in der Tat sehr steil, heute aber erwischten wir auch hier perfekte Schneebedingungen (nicht zu hart und nicht zu weich), die uns einen Aufstieg mit Tourenski bis zum Gipfelkreuz erlaubten.

Aufstieg über die Westseite (rechts) auf den Medelzkopf

Aufstieg über die Westseite (rechts) auf den Medelzkopf

Eine Vierergruppe machte sich gerade zur Abfahrt bereit, so dass wir in der Folge an diesem Karfreitag um 15:00 Uhr ganz alleine am aussichtsreichen Gipfel standen, umragt von eindrucksvollen Dreitausendern der Glockner- und Granatspitzgruppe, der ich den Medelzkopf fälschlicherweise ursprünglich zugeordnet hatte. Doch tatsächlich gehört er zur Glocknergruppe, die Grenze zwischen den beiden Gebirgsgruppen verläuft unten am Kalser Tauern.

Beim Gipfelkreuz am Medelzkopf - umragt von imponierenden Dreitausendern der Glocknergruppe

Beim Gipfelkreuz am Medelzkopf – umragt von imponierenden Dreitausendern der Glocknergruppe

Die Abfahrt erfolgte zunächst wieder über den gut aufgefirnten, steilen Westhang – und dann weiter ins Schigebiet, wo wir in Richtung Weißsee hinabfuhren. Für den Wiederaufstieg zur Rudolfshütte legten wir wieder die Felle an, vor allem da wir noch ein Stück höher auf den Hinteren Schafbichl steigen wollten, wo drei Schilifte zusammentreffen.

Ausblick vom Medelzkopf zum Weißsee (links mit Staumauer). In Bildmitte folgt das Schigebiet um das Alpinzentrum Rudolfshütte. Rechts hinten erkennt man den Tauernmoossee. Am rechten Bildrand der Hocheiser, links daneben das Kitzsteinhorn.

Ausblick vom Medelzkopf zum Weißsee (links mit Staumauer). In Bildmitte folgt das Schigebiet um das Alpinzentrum Rudolfshütte. Rechts hinten erkennt man den Tauernmoossee. Am rechten Bildrand der Hocheiser, links daneben das Kitzsteinhorn.

Selbst um 16:00 Uhr fanden wir noch erstaunlich gute Pistenverhältnisse hinab zum Grünsee vor, stellenweise wurde um diese Zeit sogar bereits wieder für den nächsten Tag präpariert, was einige Schifahrer aber heute schon gerne ausnutzten. Die Route vom Grünsee über 260 Höhenmeter hinab zum Enzigerboden war offiziell gesperrt, die wenigen ausgeaperten Stellen hielten sich aber in überschaubaren Grenzen.

Beim Aufstieg auf den Kalser Tauern. Im Hintergrund die Hohe Fürleg, Tourenziel vom Vorjahr.

Beim Aufstieg auf den Kalser Tauern. Im Hintergrund die Hohe Fürleg, Tourenziel vom Vorjahr.

Fazit: Wer die Menschenmassen – vor allem im Umfeld der Rudolfshütte – nicht scheut, findet in der Gletscherwelt Weißsee großartige Landschaftsimpressionen vor. Und wenn man etwas abseits der üblichen Karawanenwege aufsteigt, findet man durchaus auch ruhige und einsame Tourenziele. Beim Nachhausekommen galt unser Interesse dem Datum, an welchem wir voriges Jahr ohne Seilbahnunterstützung direkt vom Enzingerboden auf die Hohe Fürleg aufstiegen waren.  Lustigerweise an genau demselben Tag: 19. April (zugleich Geburtstag des AlpenYeti´schen Nachwuchses 🙂 ).

Liebe Grüße – Dein / Ihr / Euer Christian

Der Stubacher Sonnblick war 2007 unser Gipfelziel.

Der Stubacher Sonnblick war 2007 unser Gipfelziel.

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