Mitte Oktober 2018: Über den Bergen war kurzfristig und kurzzeitig Sonnenschein prognostiziert, auch wenn man sich das im grauen, feuchten Nebel in den Tälern gar nicht vorstellen konnte. Auf Grund der auch am Vortag noch unsicheren Wettervorhersage hatte ich eigentlich auch nichts Größeres geplant und einmal gemütlich ausgeschlafen. Kurzentschlossen bin ich dann doch in die Ramsau am Dachstein gefahren, um von der Landesgrenze Steiermark/Salzburg über die Bachlalm ins Windlegerkar zur Landesgrenze Salzburg/Oberösterreich hinauf zu wandern.

Wanderroute (Runde entgegen dem Uhrzeigersinn): Von der Bachlalm in die Windlegerscharte und weiter am Linzer Weg Richtung Reißgangscharte. Durch Zufall auf den Hochkesselkopf.
Landkartenausschnitte © BEV 2009, Vervielfältigt mit Genehmigung des BEV © Bundesamtes für Eich- und Vermessungswesen in Wien, T2009/52304
3 Mal war ich bisher über die Windlegerscharte abgestiegen. Das erste Mal 2005 im Anschluss an die Ost-West-Überschreitung des Hohen Dachstein. 1 Jahr später bin ich von der Reißgangscharte kommend über den Linzer Weg herabgekommen. Und 2008 sind wir mit den Tourenski über die Steinerscharte herabgefahren. Heute wollte ich mir anschauen, wie weit ich im Aufstieg kommen würde. Geplant war nichts konkretes, einfach nur ein bisschen bis in die Scharte herumschweifen.
Die erste Stunde gestaltete sich trüb und im kalten Nordwind eher ungemütlich. Besser wurde es erst im steinübersäten Windlegerkar. Hier kam ich auch allmählich in die wärmende Sonne. Steil, aber gut begehbar führt ein Steiglein aufwärts zu den beeindruckenden, senkrechten Felsabstürzen westlich des Torsteins. Zur Linken ein bizarrer, zackiger Felsgrat. Ab etwa 2.100 Meter Höhe helfen Drahtseile und Eisenstifte über die zerklüfteten Felsstufen hinweg.
Im schattigen Einschnitt knapp unterhalb der Windlegerscharte war es einfach nur „Brrr“. Viel weiter wollte ich eigentlich nicht mehr gehen. Nur kurz raus in die Sonne. Hinter mir kroch der Nebel langsam die Felsen herauf.
„Aaah“ – endlich in der Sonne. Der Ausblick über das endlos scheinende, „unruhige“ Nebelmeer war gigantisch. Hinten am Horizont erhob sich der Hochkönig. Ich wollte noch ein wenig länger die Sonne genießen und ließ mich deshalb gerne vom eindrucksvollen Eiskarlspitz anlocken. Wenn ich da noch ein bisschen weiter nach vorne gehe, könnte ich die Adamekhütte sehen.
Ja, da war die Adamekhütte schon. Nun begann der Weg aber wieder abwärts zu verlaufen. Das würde einen Wiederanstieg erfordern. Eine längere Tour hatte ich aber gar nicht eingeplant. Aber es war so schön hier.
Sei´s wie´s sei. Ein kleines Stück noch abwärts. Viele Markierungen leiten nach unten. Wieder helfen Drahtseile und Trittstifte über glatte Felsmauern hinweg. Auch von der oberösterreichischen Seite kroch der dunkelgraue Nebel herauf. Also nicht zu weit absteigen.
Gleich wieder zurück und hinauf in die Windlegerscharte? Nein, ein kleines Stück wollte ich noch dem Linzer Weg Richtung Reißgangscharte folgen – also in umgekehrter Richtung meiner Tour von 2006. Hunderte bis Tausende versteinerte Muscheln, Zeugen eines urzeitlichen Meeres, säumen den Weg. Unten im Tal zeigen sich die beiden Gosauseen.
Jetzt umdrehen? Ein kleines Stück noch. Der Aufstieg zum Oberen Hochkesseleck war schneefrei, das wollte ich mir noch ansehen.

Am Linzer Weg über das Schotterband, welches von links unten durch die Bildmitte nach rechts oben zum Oberen Hochkesseleck zieht.
Ich kann mich an dieser landschaftlichen Pracht zwischen Adamekhütte und Eiskarlspitz einfach nicht sattsehen. Noch ein kleines Stück aufsteigen. Von dort oben müsste der Ausblick noch besser sein. Aber dann kehre ich um. Vielleicht.
Am Oberen Hochkesseleck, in 2.283 Meter Höhe vernehme ich Stimmen. Die kommen von dem Kletterberg da im Osten. Ein Gipfelkreuz war auch erkennbar.

Stimmen bei einem Gipfelkreuz. Sollte auch für Wanderer der Aufstieg auf den Hochkesselkopf möglich sein?
Meinen Informationen zufolge war der Hochkesselkopf ein reiner Kletterberg. Markierte Wege führen nicht hinauf. Aber Moment mal. Da waren einige Steinmandln erkennbar. Ab und an auch ein roter Punkt. Sollte es hier womöglich doch einen auch für bloße Wanderer gangbaren Aufstieg geben? Ein Stück noch nach Osten. Einige hartgefrorene Schneefelder erschweren den Anstieg. Zumal die Felswände jetzt auch zunehmend steiler werden.
Fußspuren sind keine erkennbar. Aber da dürfte es einen Durchschlupf geben, dort ein recht einfacher Aufschwung. Dann wartet aber eine steile Rinne. Heh, da ist ja ein Drahtseil. Das geht auch noch. Und ehe ich mich versah, befand ich mich wieder in Gehgelände. Und nicht weit über mir – das Gipfelkreuz.
Hätte ich die Stimmen des Kletter-Pärchens nicht gehört, hätte ich auch den gelegentlichen Steinmandln unten in der Feslwüste keine weitere Beachtung geschenkt. Und wäre ich den Steinmandln nicht gefolgt, wäre ich auch nicht auf die gelegentlichen Farbtupfer gestossen. Und hätte ich nicht die roten Farbtupfer gesehen, hätte ich auch nicht das Drahtseil in der steilen Felsstufe entdeckt. Und hätte ich nicht das Drahtseil entdeckt, hätte ich mich ehrlich gesagt auch nicht getraut, da hinauf zu klettern.
Neue Gipfel sind immer eine Freude. Ganz besonders, wenn man überhaupt nicht damit gerechnet hat und noch mehr, wenn sie auch einigermaßen anspruchsvoll und etwas entlegen sind und wenn sie von einem Gipfelkreuz geziert werden. Die beiden Kletterer waren von der Hofalm heraufgekommen und über die Südwest-Verschneidung herauf geklettert.
In der Sonne und an windgeschützter Stelle wäre es recht angenehm. Aber jetzt zieht auch hier in der Höhe allmählich Nebel auf. Das Kletterer-Pärchen steigt wieder ab, während ich noch etliche Fotos schieße, ehe der Nebel alles verhüllt. Kurz danach kommen 2 weitere Kletterer – ebenfalls über die Südwest-Verschneidung.
Ich bleibe nicht mehr lange, der zunehmende Hochnebel und stärker aufkommender Wind machen den Aufenthalt allmählich ungemütlich. Längst war mir klar, dass es mit meinem Rückweg über die Windlegerscharte heute nichts mehr werden würde. Stattdessen wollte ich zunächst noch weiter westwärts wandern, um über die Reißgangscharte zum idyllischen Rinderfeld abzusteigen. Auch wenn das einen Wiederaufstieg von fast 300 Höhenmeter zum hohen Gipfelkreuz auf der Eiskarlschneid bedeutete.
Die Sonne schickte beim Wiederaufstieg ihr letztes Licht auf die höchsten Dachsteingipfel. Eine Wolkenformation verwandelte den Torstein in einen „rauchenden Vulkan“. Der recht runde Mond spendete beim Abstieg zur Bachlalm genügend Licht, so dass ich auf eine Stirnlampe verzichten konnte. Und bei der folgenden Asphaltstraße zurück zum Ausgangspunkt reichte das Restlicht des nun wieder klaren Nachthimmels allemal.
Fazit der Tour:
Ein Gipfel, den man gar nicht im Visier hatte, weil er vermeintlich zu schwierig ist, ist ein ganz besonderes Geschenk. Ganz besonders, wenn er sich so ungeplant und völlig zufällig ergeben hat. Über die landschaftliche Schönheit im Gebiet zwischen Bachlalm, Windlegerscharte, Linzer Weg, Reißgangscharte und Rinderfeld muss man ohnehin keine Worte verlieren.
Liebe Grüße – Dein / Ihr / Euer Christian