Gipfelbuch ohne Gipfel und Weg ohne Ziel

Anders als der Titel es vielleicht vermuten lässt, hatte ich heute sehr wohl ein konkretes Tourenziel. Und auf einem „richtigen“ Gipfel bin ich auch gestanden. Aber heute war der ungeplante Streckenabschnitt mindestens so schön wie der geplante, wenn nicht sogar interessanter. Und das obwohl ich nur „in der Gegend herumgeschweift“ bin.

Ausblick von der Grabneralm zu den Gesäuse-Bergen: Großer Buchstein (links), Hochtorgruppe mit Planspitze und Ödstein (Mitte), Admonter Reichenstein (rechts)

Ausblick von der Grabneralm zu den Gesäuse-Bergen: Großer Buchstein (links), Hochtorgruppe mit Planspitze und Ödstein (Mitte), Admonter Reichenstein (rechts)

Ich bin noch immer mit Schneeschuhen unterwegs. Nach zwei Schneeschuhtouren im Toten Gebirge und vier Schneeschuhwanderungen in Folge im Dachsteingebirge war mir heute nach etwas Abwechslung. Und die sollte mir der Grabnerstein in den Ennstaler Alpen bringen.

Wegweiser zum Grabnerstein

Wegweiser zum Grabnerstein

Mehr als 9 Jahre sind seit meinem letzten Schneeschuh-Besuch vergangen. Aber auch von Wanderungen und Klettersteig-Touren kannten wir das Gebiet um die Grabneralm und das Admonter Haus bereits recht gut.

Bisherige Wandertouren im Umfeld von Grabneralm und Admonter Haus. Rot die aktuelle Schneeschuhtour - blau die Schneeschuhtour vom Dezember 2008.

Bisherige Wandertouren im Umfeld von Grabneralm und Admonter Haus. Rot die aktuelle Schneeschuhtour – blau die Schneeschuhtour vom Dezember 2008.

Bundesamt für Eich- und Vermessungswesen Landkartenausschnitte © BEV 2009, Vervielfältigt mit Genehmigung des BEVBundesamtes für Eich und Vermessungswesen in Wien, T2009/52304

Bei dichtem Nebel breche ich beim Parkplatz am Buchauer Sattel auf und taste mich Richtung Norden zum Waldrand. Die zahlreichen Spuren auf der Wiese erleichtern die Orientierung auch nicht unbedingt, denn sie führen in alle Richtungen. Sobald ich aber den markierten Hohlweg erreicht habe, ist der Weg nicht mehr zu verfehlen. Und auch der Nebel beginnt sich nun rasch aufzulösen und in der Sonne wird es zunächst richtig warm.

Bis zum Grabneralmhaus sonnig und mild

Bis zum Grabneralmhaus sonnig und mild

Anders als bei der Schneeschuhtour im Dezember 2008 steige ich heute zunächst zum Grabneralmhaus auf, in dessen Umfeld sich gerade einige Schitourengeher ein Stelldichein geben. Von hier biege ich dann Richtung Nordosten ab und folge der markierten Sommerroute. Anfangs noch sehr einfach, aber kurz vor dem Zilmkogel gilt es, eine relativ steile Flanke zu queren. Vorsichtig registriere ich die Schneeverhältnisse, denn im Umfeld sind einige größere Nassschneelawinen abgegangen. Die Schneedecke ist zwar bereits recht stark durchfeuchtet (und sollte es beim Rückweg noch viel mehr sein) – konkrete Gefahrenanzeichen kann ich allerdings keine erkennen.

Aus den steileren, südseitigen Hängen sind etliche Lawinenabgänge erkennbar. Links erkennt man mein Aufstiegsgelände Richtung Admonter Haus beim Rückweg.

Aus den steileren, südseitigen Hängen sind etliche Lawinenabgänge erkennbar. Links erkennt man mein Aufstiegsgelände Richtung Admonter Haus beim Rückweg.

Nördlich vom Zilmkogel kann man sich im schön kupierten, nur mäßig steilen Gelände die Aufstiegsspur beliebig aussuchen. Und schließlich stehe ich oben beim Gipfelkreuz am Grabnerstein – zwar „nur“ 1.847 Meter hoch, aber auf jeden Fall ein „richtiger“ und ein würdiger Gipfel, schließlich legt man vom Buchauer Sattel bis zum höchsten Punkt knapp 1.000 Höhenmeter zurück.

Herrliches Aufstiegsgelände auf den Grabnerstein

Herrliches Aufstiegsgelände auf den Grabnerstein

Mein Hauptziel ist erreicht und da ich mich noch sehr fit fühle und der Tag noch jung ist, nehme ich mein nächstes „Nebenziel“ aus der Ferne in Augenschein. Nach einem Abstieg zurück Richtung Grabneralm möchte ich in der Folge zum Admonter Haus aufsteigen.

Gipfelkreuz am Grabnerstein

Gipfelkreuz am Grabnerstein

Der Wind in der Gipfelregion ist zwar recht stark und unangenehm, aber sobald ich wieder etwas tiefer komme, vermag mich die Sonne bald wieder zu wärmen.

Blick vom Grabnerstein zum Admonter Haus. Darunter mein Abstiegsgelände Richtung Gr. Seeboden (der Weg ist das Ziel)

Blick vom Grabnerstein zum Admonter Haus. Darunter mein Abstiegsgelände Richtung Gr. Seeboden (der Weg ist das Ziel)

Nördlich der Grabneralm quere ich, eine Zeitlang eine Gams in den markanten Felswänden beobachtend, Richtung Westen auf eine Anhöhe, wo ich an einem Baum eine metallene Kassette entdecke. Und siehe da – der Inhalt: Ein Gipfelbuch ohne Gipfel 🙂 .

Eine Metall-Kassette auf einem Baum am Weg zum Admonter Haus: Ein Gipfelbuch ohne Gipfel

Eine Metall-Kassette auf einem Baum am Weg zum Admonter Haus: Ein Gipfelbuch ohne Gipfel

Bei der Querung westlich der Admonter Warte sind bereits einige, mitunter auch größere und weit auslaufende Nassschneelawinen abgegangen. Auch das ist eine Passage, die ich immer mit besonderer Sorgfalt beobachte. In etwa dem Verlauf des Sommerweges folgend erreiche ich wieder weniger steiles Gelände. Das Admonter Haus zeigt sich bereits über mir und bald habe ich es erreicht.

Steilhangquerung westlich unter der Admonter Warte

Steilhangquerung westlich unter der Admonter Warte

Obwohl der Wind jetzt unangenehmerweise an Heftigkeit zugenommen hat, reizt mich östlich vom Grabnertörl das mir bisher noch unbekannte Gelände hinab zum Gr. Seeboden. Was beim Blick vom Grabnerstein sehr steil ausgesehen hat, erweist sich jetzt als herrliches Schneeschuh-Gelände. Noch lieber hätte ich jetzt aber bei dieser herrlichen Pulverschneeauflage, für die der Wind unentwegt sorgt, meine Tourenschi bei mir.

Aufstieg auf der Westseite zum Admonter Haus

Aufstieg auf der Westseite zum Admonter Haus

Da und dort sind Schispuren erkennbar, denen ich zunächst folge. Bald aber wähle ich mir meine eigene Route – allzu viel Spielraum gibt es in diesem Kessel zwischen Mittagskogel und Natterriegel auf der einen und Admonter Warte und Grabnerstein auf der anderen Seite ohnehin nicht. Aber doch soviel, um auch beim späteren Wiederaufstieg noch eine eigene Linie entlang des an eine Bobbahn erinnernden Bachverlaufs zu finden.

Abstieg links herum - Späterer Aufstieg dann rechts durch den Bachgraben. Rechts hinten das Admonterhaus

Abstieg links herum – Späterer Aufstieg dann rechts durch den Bachgraben. Rechts hinten das Admonterhaus

Ich habe kein konkretes Ziel. Bin einfach neugierig. Ein kleines Stück noch bis zu jenem Hügel da vorne. Noch weiter unten auf dem markanten Felsvorsprung würde ich einen besseren Überblick über den ebenen Seeboden haben – laut Karte gibt es hier aber gar keinen See. So jetzt wird es etwas steiler, ich werde wohl umdrehen. Oder doch noch ein bisschen weiter runter. Herrlich lockerer Pulverschnee. Der Rückenwind schiebt mich an.

Immer ein Stück weiter zum Gr. Seeboden (links unten). Rechts der Grabnerstein.

Immer ein Stück weiter zum Gr. Seeboden (links unten). Rechts der Grabnerstein.

Nicht zu weit, ich muss ja auch wieder hinauf. Aber ich fühle mich gut. Und schließlich stehe ich am Gr. Seeboden. So jetzt aber wieder zurück … oder doch noch auf diesen Hügel hinauf, um den weiteren Wegverlauf einzusehen. Der Weg ist das Ziel. Es bereitet mir einfach unheimliche Freude wieder einmal in unbekanntem Terrain unterwegs zu sein. Es erinnert mich an die Anfangszeiten meiner Wanderleidenschaft, als ich immense Wegstrecken zurücklegte, getrieben von der Neugier, wie es hinter der nächsten Wegbiegung, nach dem nächsten Hügel wohl aussehen könnte.

Am Gr. Seeboden: Oben am Sattel - rechts der Bildmitte - ist das Admonter Haus erkennbar

Am Gr. Seeboden: Oben am Sattel – rechts der Bildmitte – ist das Admonter Haus erkennbar

Der Blick zurück und hinauf zum Admonter Haus gemahnt mich angesichts des fortgeschrittenen Tages jedoch zur Vernunft. Nur noch ein paar Meter da runter zu dieser Markierungstafel, dann werde ich umdrehen, verspreche ich mir selber.

Umkehrpunkt bei der Wegtafel in den Pölzgraben

Umkehrpunkt bei der Wegtafel in den Pölzgraben

So, das ist jetzt tatsächlich ein guter Umkehrpunkt. Weiter unten schaut es im schattigen Graben schon recht finster aus. Zumindest lassen es meine dunklen Sonnenbrillen so erscheinen, die ich als Augenschutz gegen den Wind auch noch trage, als sich die Sonne bereits hinter dem Sattel mit dem Admonter Haus zurückgezogen hat. 300 Höhenmeter und ca. 2 Kilometer muss ich jetzt wieder zurück hinaufsteigen.

Die Neugier trieb mich immer weiter hinunter zum Gr. Seeboden

Die Neugier trieb mich immer weiter hinunter zum Gr. Seeboden

Aber ich genieße auch jetzt noch jeden Meter. Obwohl oder vielleicht auch gerade weil mir der Wind mit kleinen Schneekristallen ein Gesichtspeeling verpasst. Ich hatte heute wirklich tolle Tourenziele. Aber der größte Genuss war jetzt dieser Weg ohne Ziel.

Der starke Wind fegt Schneekristalle über den Boden (und ins Gesicht).

Der starke Wind fegt Schneekristalle über den Boden (und ins Gesicht).

Liebe Grüße – Dein / Ihr / Euer Christian

Mittagskogel

Mittagskogel

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