Kleiner Narr am Hochnarr

Die vielen kleineren „Toürchen“ der letzten Wochen (kaum mehr als 1.000 Höhenmeter pro Wanderung) dürften meine Selbsteinschätzung etwas getrübt haben. Gut, bei einer hatten wir ja fast 1.500 Höhenmeter auf mehr als 20 Kilometer gemacht, aber im Grunde blieb es doch eher bei „Durchschnitts-Skitouren„.

Glocknerblick vom Hocharn-Gipfel

Glocknerblick vom Hocharn-Gipfel

Anders kann ich es mir nicht erklären, was mir da an diesem 30.03.2017 in den Sinn kam. Morgens um 07:00 Uhr beim Frühstück wusste ich noch nicht einmal, wo es heute hin gehen sollte. Also zunächst die Wetterprognose studiert. Im steirischen Ennstal und im angrenzenden Oberösterreich könnte das Wetter wechselhaft bleiben und tatsächlich verhüllten jetzt am Morgen dichte Wolken die heimatlichen Berge.

Nordseitig am Hohen Sonnblick entlang

Nordseitig am Hohen Sonnblick entlang

Ab Salzburg westwärts aber sollte es frühlingshafte Wetterbedingungen geben. Also kurzentschlossen den Hochnarr als Gipfelziel auserkoren. Geläufiger dürfte der Name Hocharn sein – mit 3.254 Meter der höchste Gipfel der zu den Hohen Tauern zählenden Goldberggruppe. Auch wenn er bekanntheitsmäßig etwas im Schatten seines 148 Meter niedrigeren Nachbarn steht – dem Hohen Sonnblick mit seinem weitum sichtbaren Observatorium direkt am Gipfel.

Das Observatorium am Hohen Sonnblick

Das Observatorium am Hohen Sonnblick

Also zunächst einmal nach Taxenbach fahren, und von dort südwärts hinauf in das Rauriser Tal. Beachtliche 30 Kilometer und mehr als 800 Höhenmeter führt die Straße – am letzten Stück als Mautstraße – nach Kolm-Saigurn, wo schon so manche fantastische Skitour ihren Ausgang genommen hat.

Fast 2 Stunden habe ich für die Anfahrt benötigt und war damit natürlich mit meiner Aufbruchzeit von 09:00 Uhr deutlich zu spät dran an diesem „Frühlingstag“ – ich (mindestens kleiner) Narr. Im Tal sollten die Temperaturen heute über 20 Grad steigen und auch beim Start beim Parkplatz Lenzanger waren die Temperaturen bereits unterleibchentauglich.

Wenn ich bedenke, wie gewissenhaft ich mich bei meinem ersten Besuch am Hocharn vorbereitet habe, so war ich heute vergleichsweise frevelhaft fahrlässig – ich (zumindest kleiner) Narr. Nun gut, die Lawinenverhältnisse hatte ich natürlich eingehend studiert und für sicher befunden, aber ich war definitiv zu spät dran, so dass ich höchstwahrscheinlich bei der Abfahrt in „tiefem Sumpf“ versinken würde.

Langer Anstieg auf den Hocharn - Überblick über fast 1.000 der insgesamt 1.700 Höhenmeter. Unbedingt genug Flüssigkeit mitnehmen ;-)

Langer Anstieg auf den Hocharn – Überblick über fast 1.000 der insgesamt 1.700 Höhenmeter. Unbedingt genug Flüssigkeit mitnehmen 😉

Und ein weiterer schwerer Fehler: In meinem „jugendlichen Leichtsinn“ (besser wohl „senilem Starrsinn“) hatte ich lediglich einen Liter Wasser mit. Ich habe doch schließlich bei den letzten Halbtagstouren auch nicht mehr gebraucht. Und was sind schon die 1.700 Höhenmeter bis zum Gipfel (ich kleiner – eher schon großer – Narr).

Der "Eingang" zum schneebedeckten Talboden bis zur ersten Steilstufe (etwa Bildmitte)

Der „Eingang“ zum schneebedeckten Talboden bis zur ersten Steilstufe (etwa Bildmitte)

Der Talboden hinüber zur ersten Steilstufe war heute noch durchgängig schneebedeckt. Am tragfähigen Harschdeckel kam ich rasch vorwärts, wurde in der Steilstufe (wie bereits 2008) dann aber von 5 Tourengehern überholt. War ich also doch nicht der einzige Spätstarter. Aber die anderen waren auch wesentlich schneller.

Einsamer Anstieg entlang der Nordseite des Hohen Sonnblick. Weiter vorne (ganz winzige Pünktchen) eine Handvoll Skitourengeher.

Einsamer Anstieg entlang der Nordseite des Hohen Sonnblick. Weiter vorne (ganz winzige Pünktchen) eine Handvoll Skitourengeher.

Irgendwie ging es heute etwas „zaach“. In diversen Foren habe ich Tourenberichte der letzten Tage gelesen, in denen von hunderten Gipfelaspiranten die Rede war. Bis auf jene 5, die mich zuvor überholten, traf ich vorerst aber auf niemanden. Nur in der Ferne zeigten sich immer wieder einige Skitourengeher. Da einer bei der Abfahrt vom Hocharn (wobei es auf schattigen Hängen noch ganz schön kratzte), dort einige beim Steilaufstieg in der Sonnblick-Nordrinne.

Man muss schon sehr genau schauen, um die 4 Skitorengeher auf dem Steilhang des Sonnblick zu erkennen (rechts der Bildmitte).

Man muss schon sehr genau schauen, um die 4 Skitorengeher auf dem Steilhang des Sonnblick zu erkennen (rechts der Bildmitte).

Die „Hitze“ forderte mich heute ganz schön und ab 2.500 Meter Höhe merkte ich wie immer die bereits dünner werdende Luft. So ging es mir auch jedes Mal am Dachstein. Mein Literchen Wasser musste ich mir aber gut einteilen, auch wenn der Anstieg äußerst schweißtreibend war. Erst mit Annäherung an das Hocharnkees sorgte das eine oder andere Windchen für willkommene Erfrischung. Und weiter oben am Gletscher war es dann Zeit für eine Kopfbedeckung und eine Jacke über dem Unterleibchen.

Angenehm kühlender Wind beim Anstieg über das Hocharnkees

Angenehm kühlender Wind beim Anstieg über das Hocharnkees

Noch vor dem Gletscher überholte mich eine junge Dame, die laut Hocharn-Gipfelbucheintrag bereits von der Sonnblick-Nordwandrinne heruntergekommen war. Respekt.

Kurz vor dem Ziel, die Schritte gingen nur mehr äußerst träge, überholte ich noch 2 Skitourengeher. Zusammen mit einem unterhalb der Gipfelwechte verweilenden Kameraden leisteten sie mir kurz Gesellschaft beim Gipfelkreuz, welches heute im Gegensatz zu 2008 deutlich sichtbar war. Die meiste Zeit meiner Gipfelrast war ich aber ganz alleine – während meines Aufstieges habe ich etwa 10 Abfahrer gesehen.

Einsamkeit beim Gipfelkreuz (2008 war es fast zur Gänze von Schnee bedeckt, obwohl ich einen Monat später oben war)

Einsamkeit beim Gipfelkreuz (2008 war es fast zur Gänze von Schnee bedeckt, obwohl ich einen Monat später oben war)

Also viel los war heute hier scheinbar den ganzen Tag nicht – im Gipfelbuch selbst gab es nur 3 Einträge vor mir. Der ungewohnt leere Eindruck am Parkplatz Lenzanger hatte also doch nicht getäuscht. Das hatte ich bei früheren Besuchen schon ganz anders erlebt. Ein Grund mag wohl auch gewesen sein, dass der gestrige Mittwoch perfektes Wetter mit kalten Nachttemperaturen und klarer Fernsicht geboten hatte und auch am morgigen Freitag ähnlich hervorragende Verhältnisse prognostiziert waren – nur heute gab es etwas getrübte Sicht. Und tatsächlich beschrieb ein Lawinenforumsteilnehmer am Folgetag eine Völkerwanderung mit geschätzten 100 Gipfelstürmern.

Herrlicher Ausblick vom Gipfel, auch wenn die Farben etwas "verwaschen" wirken.

Herrlicher Ausblick vom Gipfel, auch wenn die Farben etwas „verwaschen“ wirken.

So, mein Wasser ging zur Neige und jetzt warteten noch 1.700 Höhenmeter Abfahrt, vor denen ich großen Respekt hatte. Aber auf den ersten Schwüngen am Gletscher war ich begeistert von den guten Schneeverhältnissen. Der Firn war weitaus besser als erwartet bzw. befürchtet. Lediglich im Abschnitt zwischen ca. 2.600 und 2.200 Meter Seehöhe war es wirklich schon sehr tief und nass, aber dennoch ganz passabel befahrbar.

Links der Ritterkopf - ein weiterer 3.000-er in der Goldberggruppe.

Links der Ritterkopf – ein weiterer 3.000-er in der Goldberggruppe.

Ja und unterhalb von 2.200 Meter Seehöhe – im Nordschatten des Hohen Sonnblick – gab es fast noch perfekte Firnbedingungen. Alles in allem hatte ich also doch einen guten Tag erwischt und verdurstet bin ich auch nicht (also doch nur ein kleiner Narr).

Die nachfolgende Grafik zeigt, dass ich dieses Mal (rote Linie) eine andere Route als 2008 (hellblaue Linie) genommen habe.

Hocharn-Routen: Rot-2017 und hellblau 2008. Grün die Skitour auf den Hohen Sonnblick 2006. (Klick zur Vergrößerung)

Hocharn-Routen: Rot-2017 und hellblau 2008. Grün die Skitour auf den Hohen Sonnblick 2006. (Klick zur Vergrößerung)

Liebe Grüße – Dein / Ihr / Euer Christian

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