Mit Hundeschlitten im Rätikon

Runde Geburtstage haben mitunter den angenehmen Nebeneffekt, dass man in den Genuss besonderer Geschenke kommt. So durfte ich mich im Vorjahr anlässlich meines absolvierten ersten halben Jahrhunderts über einen großen Plüsch-Husky freuen, den ich auf Anregung meiner kleinen Nichte Johanna gleich Nanuk taufte.

Plüsch-Husky Nanuk

Plüsch-Husky Nanuk

Obwohl ich mich als erklärter Hunde-Liebhaber bereits über diese originelle Idee sehr gefreut habe, war der kuschelige Plüsch-Husky aber nur ein Symbol für das eigentliche Geschenk, von dem ich bereits lange Zeit geträumt habe: Ein Hundeschlittengespann einmal selbst fahren zu dürfen. Aber nicht nur einige Meter im flachen Gelände sondern wirklich über eine längere Distanz und vorzugsweise auch mit einigen Höhenmetern in schöner, einsamer, alpiner Umgebung.

Winterlandschaft am Bürserberg in Vorarlberg

Winterlandschaft am Bürserberg in Vorarlberg

Und genau diesen Herzenswunsch haben mir meine Liebsten anlässlich meines „Abschieds von der werberelevanten Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen“ erfüllt. Einen halben Tag lang durfte ich ganz alleine – nur begleitet von einem erfahrenen Musher und seinem 10-köpfigen Husky-Team – in den Bergen verbringen. Insgesamt fast 900 Kilometer haben wir bei der Anreise, während unseres 3-tägigen Aufenthalts und bei der Rückreise bei diesem Kurz-Urlaub mit dem Auto zurückgelegt. Und obwohl wir in diesen drei Tagen einige sehr schöne Erlebnisse hatten, war für uns der eigentliche Grund und mit Sicherheit der Höhepunkt des Ausflugs das Treffen mit dem Husky-Toni.

Unsere Wandertouren im Brandnertal: ROT=Hundeschlittenfahrt - BLAU=Schneeschuhwanderung - PINK=Winterwanderung

Unsere Wandertouren im Brandnertal: ROT=Hundeschlittenfahrt – BLAU=Schneeschuhwanderung – PINK=Winterwanderung

Landkartenausschnitte © BEV 2009, Vervielfältigt mit Genehmigung des BEV © Bundesamtes für Eich- und Vermessungswesen in Wien, T2009/52304

Ziel der Reise war das Brandnertal in Vorarlberg, welches bei Bludenz nach Südwesten hin ansteigt. Vom Brandnertal schlängelt sich eine kurvenreiche Straße bis auf eine Höhe von etwas mehr als 1.200 Meter auf den im Rätikon-Gebirge liegenden Bürserberg. Vereinbarter Treffpunkt mit Husky-Toni war der Wanderparkplatz Tschengla / Ronaalpe. Da wir bei der Anreise genug Zeitreserven eingeplant hatten, waren wir bereits früher am Ankunftsort und konnten uns schon vorab im Gelände etwas umsehen.

Auch Husky-Toni hat einen Plüsch-Hund. Sogar mit Socken.

Auch Husky-Toni hat einen Plüsch-Hund. Sogar mit Socken.

Aus einiger Entfernung hörten wir schon aufgeregtes Hundegebell, als Husky-Toni seine Hunde gerade aus dem Bus holte, um mit dem Hundeschlitten zu seiner urigen Hütte hinaufzufahren. Wir nutzten die Wartezeit, um ein bisschen im schönen Wander- und Langlaufgebiet herumzuschweifen und die umliegende Gipfelwelt zu bewundern.

Ein Gipfel erregte ob seiner markanten Form unsere besondere Aufmerksamkeit: Es war die Zimba, das „Matterhorn Vorarlbergs„, wie uns Husky-Toni bei seiner Ankunft gleich aufklärte, als er uns vom Parkplatz abholte.

Zimba - Das Matterhorn Vorarlbergs

Zimba – Das Matterhorn Vorarlbergs

Auf einer präparierten Wanderpiste gelangten wir nach ca. 200 bis 300 Meter zu seiner mit viel Liebe dekorierten und eingerichteten Hütte. Neben der Hütte warteten bereits still und neugierig blickend 10 Huskys verschiedener Größe, Farbe und Zeichnung, die uns Husky-Toni dann der Reihe nach vorstellte, was für intensives Schwanzwedeln sorgte – auch bei den Hunden 🙂 .

Die theoretische Erklärung des Hundeschlittens erfolgt in Husky-Tonis Hütte.

Die theoretische Erklärung des Hundeschlittens erfolgt in Husky-Tonis Hütte.

Natürlich war ich bereits sehr gespannt und wäre am liebsten gleich losgefahren, aber zunächst einmal gibt es neben grundsätzlichen Erklärungen zu den Hunden bzw. Hunderassen eine Einschulung in die Handhabung des Hundeschlittens. Diese Erklärungen müssen aber in der Hütte stattfinden – die Hunde wären dabei viel zu unruhig und aufgeregt gewesen, wie wir bald feststellen konnten.

Anfangs waren die Hunde ja noch relativ ruhig. Aber spätestens als sie den Schlitten bemerkten, gab es kein Halten mehr.

Anfangs waren die Hunde ja noch relativ ruhig. Aber spätestens als sie den Schlitten bemerkten, gab es kein Halten mehr.

Die theoretischen Erläuterungen über die Handhabung der Bremsmöglichkeiten (Bremsplatte, metallene Krallenbremse) sowie des Schneeankers, die Technik beim Kurvenfahren und all die anderen interessanten Details klingen plausibel und leicht verständlich. Aber erstens kreisten meine Gedanken bereits voller Spannung um das Treffen mit den Hunden und zweitens: Wenn man in der Praxis dann in hohem Tempo einen steileren Hang hinabfährt, geht alles so schnell, dass man mit den zuvor eingebläuten Abläufen als Hundeschlitten-Neuling doch wieder „leichte“ Koordinationsschwierigkeiten hat 😉 .

Sitka bei der Begrüßung

Sitka bei der Begrüßung

Nach etwa einer halben Stunde geht es endlich raus zu den Hunden – und dort geht jetzt die Post ab, als sie den Schlitten bemerken, mit dem wir zuvor in der Hütte geübt hatten. Aufgeregtes freudiges, unbändiges Gebell und Heulen – die Hunde wollen sichtlich begeistert ausfahren. Ich auch. Zuvor müssen sie natürlich angeleint werden. Hinten am Geschirr und vorne am Halsband.

5 Hunde wird jeder von uns nehmen – das reicht bei „Normalgewicht“ auf jeden Fall, dass uns die Hunde bergauf noch vernünftig ziehen können und bergab geht es dem Neuling sowieso immer zu schnell (auf den steileren Passagen trotz Bremsen).

Mein Leithund Grizzly wünscht Streicheleinheiten

Mein Leithund Grizzly wünscht Streicheleinheiten

Jedes Gespann besteht aus 2 (intelligenten) Leithunden, einem einzelnen Mit(te)läufer und 2 kräftigen Zieh-Lokomotiven unmittelbar vor dem Schlitten. Jeder der Hunde hat auf seine Art etwas Schönes, Liebes. Meinen (braunäugigen) Leithund Grizzly habe ich aber sofort ins Herz geschlossen und auch bei dem (der?) etwas kleineren (ebenfalls braunäugigen) Tala (läuft allein in der Mitte) war es Liebe auf den ersten Blick.

Tala hat einen treuherzigen Blick "zum Dahinschmelzen"

Tala hat einen treuherzigen Blick „zum Dahinschmelzen“

Mein 2. Leithund war Siri – markant mit einem blauen und einem braunen Auge. Die 2 Kraftpakete vor dem Hundeschlitten waren die zwei unterschiedlich großen Brüder Gus und Sally. Besonders der mächtige Sally hatte eine sehr faszinierende Starttechnik, wenn wir nach einer Fotopause wieder Fahrt aufnahmen. Mit allen Vieren sprang er in die Luft und sobald er wieder am Boden aufgekommen war, gab es einen Ruck durch den Schlitten. Hier war jedes Mal beidhändiges festes Anhalten angesagt.

Das Anleinen der Hunde - hier bei Sally - gestaltet sich wegen der begeisterten Vorfreude der Hunde gar nicht so einfach.

Das Anleinen der Hunde – hier bei Sally – gestaltet sich wegen der begeisterten Vorfreude der Hunde gar nicht so einfach.

Bereits das Anleinen war ein Vergnügen, wenn man die unbändige Lust der Hunde spürt, sieht und hört. Warm fühlen sich die zotteligen Körper mit ihrem dichten Winterfell an. Die Hundeschlitten müssen hier natürlich mit dem Schneeanker fest fixiert werden.

Die AlpenYetin streichelt Lucky

Die AlpenYetin streichelt Lucky

Husky-Toni nimmt Kiro und Sitka als Leithunde, der etwas schmächtiger wirkende Lucky läuft in der Mitte. Und direkt vor dem Schlitten stehen die/der(?) wolfsähnliche Ronja und der markant blauäugige Jackson.

Jackson mit seinen markant-blauen Augen

Jackson mit seinen markant-blauen Augen

Und endlich geht es los – meine allerersten Meter auf dem Hundeschlitten 🙂 . Dank Ingrid und ihrem Handy im Bild festgehalten.

Meine ersten Meter am Hundeschlitten

Meine ersten Meter am Hundeschlitten

Kaum gestartet stehen wir schon 100 Höhenmeter über unserem Ausgangspunkt. Ingrid fotografiert von unten zu uns herauf.

Husky-Toni und AlpenYeti links der Bildmitte

Husky-Toni und AlpenYeti links der Bildmitte

Mein Hundegespann benötigt keine Kommandos. Sie folgen dem Gespann von Husky-Toni, dessen Hunde das Tempo nach eigenem Belieben festlegen und die sehr wohl auf die Befehle „Rechts“ und „Links“ hören. Auch wenn das angesichts unseren Routenverlaufs auf einem an sich präparierten Waldweg nur selten (bei Weggabelungen) erforderlich ist. Es gibt zwar unterwegs einige Spuren (Spaziergänger, Schneeschuhwanderer, Skitourengeher) aber während unserer 2 Stunden 45 Minuten dauernden Ausfahrt (inkl. Pausen) haben wir niemanden angetroffen.

Spuren ja, andere Menschen nein. Nur bei der Abfahrt einige Rehe.

Spuren ja, andere Menschen nein. Nur bei der Abfahrt einige Rehe.

Die anfänglich dünne Wolkenschicht hat sich nach und nach aufgelöst, so dass wir uns unterwegs über gute Sichtverhältnisse und milden Sonnenschein freuen konnten. Toni erklärt mir unterwegs die umliegende Bergwelt (natürlich auch die Schesaplana – der mit 2.965 Meter höchste Gipfel im Rätikon), diverse Tourenmöglichkeiten im Winter und Sommer sowie die Orte in den umliegenden Tälern (5-Täler-Blick).

Von links vorne nach rechts hinten: Sitka, Grizzly, Tala, Gus, Sally, AlpenYeti

Von links vorne nach rechts hinten: Sitka, Grizzly, Tala, Gus, Sally, AlpenYeti

Ich genieße jede Sekunde der Ausfahrt, auch wenn ich wohl vor allem anfangs etwas verkrampft am Schlitten stehe, weil die Hunde die Angewohnheit haben, immer entlang des Abgrunds zu laufen, damit sie sowohl hinunter als auch hinauf sehen können. Vor allem einmal geht es deshalb für mich mit Schlitten über einen Waldhang hinunter. Dank genügend Armkraft lasse ich den Schlitten aber nicht los und die Hunde werden bald langsamer, als sie den vermehrten Widerstand spüren. Bald stehe ich wieder unversehrt „auf der Piste“.

Auch einige weitere Male kann ich dank Armkraft das Gleichgewicht halten, wenn die Hunde enge Kurven ganz innen laufen und mir die Technik fehlt, um hier so elegant um die Kehre zu rutschen, wie es Toni macht. Mein Schlitten kürzt – samt mir – ab und ich stapfe bzw. „fliege“ von den Hunden gezogen einige Meter durch tiefen Schnee ehe ich mich wieder stabilisieren kann. In den nächsten 2 Tagen werde ich dann übrigens an einem (mehreren) Muskelkater(n) merken, welche Armpartien ich hier alle benötigt habe 😉 .

Der markante Schillerkopf soll an das Gesichtsprofil des Dichters Friedrich Schiller erinnern. Das Gipfelkreuz steht auf der "Nase".

Der markante Schillerkopf soll an das Gesichtsprofil des Dichters Friedrich Schiller erinnern. Das Gipfelkreuz steht auf der „Nase“.

Nahe unseres höchsten Tourenpunktes, nachdem wir an Schillerkopf und Mondspitze vorbeigefahren sind, machen wir kurze Rast, um den herrlichen Ausblick zu genießen. Im Norden erkennen wir den Bodensee, im Westen (in der Schweiz) hebt sich der markante Säntis mit seinem hohen Turm ab, den wir im August 2012 besucht haben.

Bei unserer Rast unweit des höchsten Punktes unserer Tour.

Bei unserer Rast unweit des höchsten Punktes unserer Tour.

Die Hunde sorgen kurz für etwas Verwirrung, als sie einfach selbständig umdrehen wollen, weil hier sonst immer der Umkehrpunkt ist. Wir wollen aber noch ein Stück weiter hinauf fahren bis zum höchsten Punkt des Sattels zwischen Mondspitze und Klamperschrofen (diesen Hügel haben wir am nächsten Tag mit Schneeschuhen bei teils dichterem Schneetreiben besucht).

Bei der Abfahrt muss der Fotoapparat weggesteckt werden. Angesichts des teilweise höheren Tempos – vor allem als meine Hunde versuchen wollten, das erste Gespann einzuholen – habe ich beide Hände für das Festhalten am Schlitten benötigt. Ja eigentlich hätte ich auch noch mindestens eine dritte Hand benötigt, für das koordiniertere Runter- und Hochklappen der Bremsplatte. Dank Tonis Hilfe, der bei den steileren Passagen meine Leithunde gehalten hat, bin ich dann aber doch gut runtergekommen.

Meditatives Gleiten über Waldwege

Meditatives Gleiten über Waldwege

Bei den flacheren Wegabschnitten fällt man fast in eine Art von Meditation. Die herrliche Landschaft, das gleichmäßige Laufen der Hunde – unterbrochen nur von gelegentlichem „Kacken“ und „Markieren“. Und wenn der „Vorderhund“ ein Bäumchen „gewässert“ hat, muss es der Nachfolger natürlich auch tun 🙂 . Und – um Husky-Toni anlässlich eines entsprechenden Ereignisses zu zitieren: „Wenn der Leithund kacken muss, steht alles“. Tala dagegen musste das große Geschäft einige Male im Laufen versuchen bzw. hätte zumindest dazu angesetzt.

Sally wieder einmal bei einem seiner kräftigen "Sprung-Starts" - mit beiden Händen anhalten ist die Devise.

Sally wieder einmal bei einem seiner kräftigen „Sprung-Starts“ – mit beiden Händen anhalten ist die Devise.

An 2 Stellen ist noch einmal besondere Vorsicht angesagt, als die Hunde am Waldrand Rehe bemerken. Hier hilft nur die Bremskralle bzw. der Schneeanker bis sie sich einigermaßen von ihrem Jagdinstinkt beruhigt haben.

Bei Anbrechen der Abenddämmerung kommen wir schließlich wieder zu Tonis Camp zurück, wobei die Hunde jetzt gleich in ihren Doppelkäfigen im Bus verladen werden. Eine Stunde genießen wir noch bei spannenden Geschichten und imposanten Bildern am großen Fernseher in Tonis Hütte. Vor allem die wunderschönen Impressionen von Husky-Tonis-Schwedencamp machen natürlich große Lust auf eine Wiederholung des heutigen eindrucksvollen Erlebnisses. Dieses Schweden-Camp liegt ja gar nicht so weit entfernt von der Gegend, wo wir die Mitternachtssonne am Polarkreis genossen haben.

Rückkehr im Husky-Camp nach fast 3-stündiger Ausfahrt

Rückkehr im Husky-Camp nach fast 3-stündiger Ausfahrt

Wie bereits eingangs erwähnt, haben wir im Brandnertal 3 Tage lang wunderschöne Eindrücke genießen dürfen (am Folgetag beim Schneeschuhwandern bei dichtem Schneefall am Bürserberg und noch einen Tag später bei der Wanderung durch eine frisch verschneite Winterlandschaft bei tiefblauem Himmel und strahlendem Sonnenschein zur Schattenlaganthütte, aber auch bei einem ausgelassenen Nacht-Faschingsumzug in Brand, der imposante Tiefblick auf das abendlich beleuchtete Bludenz bei unserer Abfahrt vom Bürserberg / Tschengla oder das Schesatobel, einer der größten Murbrüche Europas).

Zurück beim Hunde-Bus

Zurück beim Hunde-Bus

Der Höhepunkt war aber zweifelsohne meine Hundeschlittenfahrt mit Husky-Toni und seinem Hunde-Team – HERZLICHEN DANK (auch an meine Liebsten, die mir dieses Erlebnis ermöglicht haben).

Kaum zu glauben, dass diese Ausfahrt wirklich fast 3 Stunden gedauert hat – so kurzweilig ist mir noch selten eine Aktivität vorgekommen. Das GPS-Gerät zeigt dann auch klar und deutlich die große Distanz meines ersten Hundeschlitten-Abenteuers: Ca. 19 Kilometer und etwas mehr als 600 Anstiegs-Höhenmeter (inkl. der Gegensteigungen) haben wir zurückgelegt. Und dennoch war mein „Hundeschlitten-Appetit“ noch nicht gestillt bzw. wurde jetzt der Wunsch nach einem entsprechenden Schweden-Abenteuer mit Hundeschlittenfahrten bis 60 Kilometer noch größer als je zuvor 🙂 .

Das Höhenprofil unserer Hundeschlittenfahrt am Bürserberg.

Das Höhenprofil unserer Hundeschlittenfahrt am Bürserberg.

PS: Liebe Johanna, wärst Du mir böse, falls ich meinen Plüsch-Husky von Nanuk jetzt in Grizzly (oder Tala) umbenenne?

Liebe Grüße – Dein / Ihr / Euer Christian

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