Wieselsteine und Hochtörl

Wandertouren im Tennengebirge – insbesondere auf der Westseite – sind immer eine besondere konditionelle Herausforderung. Man darf sich nicht von den vergleichsweise „niedrigen“ absoluten Gipfelhöhen in die Irre führen lassen. Denn wenn selbst der höchste Gipfel – das Raucheck – „nur“ 2.430 Meter Höhe aufweisen kann, gibt es in diesem Gebiet Gipfelwanderungen auf Grund der niedrigen Ausgangslage selten unter 2.000 Aufstiegs-Höhenmetern.

Unter anderem auch deshalb, weil es einfach zu verlockend ist, weitere Gipfel zu erkunden, wenn man erst einmal den Anstieg auf das Karsthochplateau hinter sich gebracht hat.

In den letzten Jahren bin ich so gut wie von jeder Seite auf das Tennengebirge aufgestiegen und habe dabei schon so gut wie jeden „erwanderbaren“ Gipfel besucht (den Großen Traunstein bei Abtenau habe ich mir noch nicht zugetraut): Aber … da gab es noch 2 Gipfel, die ich bei meiner Wandertour über Knallstein und Wieselsteine am 07.07.07 nach 2.315 Höhenmetern und 29 Kilometern kräftebedingt bzw. orientierungsbedingt auslassen musste.

Und seit damals standen diese Gipfel jedes Jahr auf meinem Tourenplan, allein die Verhältnisse haben nie gepasst. Im Frühsommer liegt unter Umständen noch Schnee am teilweise sehr zerklüfteten, felsspalten- und dolinenreichen Karstplateau. Und im Hochsommer ist es häufig entweder zu heiß für diese wasserarme Region oder aber wettermäßig zu instabil. Ein Gewitter in diesem Gebiet ist sicher nicht lustig (Siehe auch am Artikel-Ende).

Und schließlich gab es da eben noch den Hindernis-Grund, dass mir schlicht und ergreifend vor den langen Distanz immer wieder etwas „gegraust“ hat und ich deshalb gerne Vorwände gesucht habe, warum es gerade wieder einmal nicht passt 😉 . Am 11.07.2015 sollte aber alles passen. Stabiles Wetter. Nicht allzu heiß. Ich fühlte mich fit und wollte die beiden ausstehenden Gipfel unbedingt besteigen: Und zwar ging es dabei um den Nördlichen Wieselstein und das Hochtörl, dessen Gipfelkreuz mich am 07.07.2007 verhöhnt hatte, als ich im Latschendickicht nicht mehr weiter kam und kräfte-, durst- und zeitbedingt aufgeben musste.

Ja heute würde alles passen – das fühlte ich. Lediglich meine neuen, erst zwei Mal getragenen Bergschuhe drückten mich beim Start. Ich tröstete mich mit dem Gedanken, dass die Tour ja kaum 12 Stunden dauern sollte 🙂 .

Wenn ich eingangs erwähnte, dass ich in den letzten Jahren so gut wie von jeder Seite auf das Tennengebirge aufgestiegen bin, so stimmt das nicht ganz. Denn die Route vom Ghf. Stegenwald, nördlich von Tenneck und südlich vom Paß Lueg gelegen, kannte ich bis dato noch nicht. Und eine neue, bisher noch unbekannte Strecke ist immer etwas Besonderes. Mit 6 Stunden ist der Aufstiegsweg auf den Wieselstein (gemeint ist vermutlich der „Mittlere“) von hier angeschrieben.

Zunächst geht es unter der Tauernautobahn hindurch und ein kurzes Stück parallel zu ihr. Bald aber betritt man den Wald und der Steig schlängelt sich zunehmend steiler, aber immer sehr angenehm begehbar, bergwärts. Rechter Hand plätschert ein kleiner Wasserfall, schließlich gelangt man zur verfallenen Grünwaldalm.

Weiter oben verläßt man den Wald und in der steinübersäten Ofenrinne gewinnt man rasch Höhenmeter. Weiter oben dreht der Steig nach rechts (südwärts). Vor mir gehen 2 Wanderinnen, die ich bei der Weggabelung Richtung Happisch-Haus überhole. Über gerillte Felsplatten, an Almrauschblüten vorbei und über saftige Almwiesen erreiche ich die verfallene Steinhütte der Pitschenbergalm mit einem kleinen See. Ein wirlich paradiesischer Ort, umrahmt von den hellgrauen Kalkgipfeln des Tennengebirges.

Leopold-Happisch-Haus

Leopold-Happisch-Haus

Über einem Aufschwung thront das Leopold-Happisch-Haus. Eine zerfetzte Naturfreunde-Fahne flattert mitleiderregend im Wind. Bei der Hütte treffe ich auf eine ca. 10-köpfige Gruppe beim Mittagessen. Das sollte die letzte Menschenbegegnung für den heutigen Tage sein.

Je weiter ich jetzt auf die kahlen, zerfurchten und gerillten Kalkfelsen am Plateau hinauf komme, umso stärker macht sich der Wind bemerkbar. Fast schon zu unangenehm. Das wolkenlose Wetter vom frühen Morgen hat sich mittlerweile auch geändert. Zunehmend rücken – anfangs noch harmlose weiße – Wolken heran.

Noch unterhalb der Wieselsteine lasse ich mich zur Jause und kurzen Rast nieder. Den Südlichen Wieselstein, mit 2.315 Meter der höchste der 3 Gipfel erspare ich mir heute. Dem ebenfalls bereits bekannten Mittleren Wieselstein, 2.300 Meter hoch, mit seinem Gipfelkreuz statte ich aber einen kurzen Besuch ab.

Das Hauptziel aber wird der mir noch unbekannte und niedriste der 3 Wieselsteine sein: Der Nördliche Wieselstein misst ca. 2.188 Meter Höhe. Beim Näherkommen – teilweise etwas mühsam über zerklüftete Felsen mit tiefen Spalten – dann eine große Überraschung. Ebenfalls ein Gipfelkreuz – errichtet im Gedenken an Herrn Josef Sindelka, der im Jahr 2009 verstorben ist. Hätte ich also damals 2007 noch die Ausdauer gehabt, auch diesen Gipfel zu besteigen, hätte ich noch kein Gipfelkreuz angetroffen.

Im Nordwesten unter mir kann ich bereits mein nächstes Gipfelziel erkennen. Das 1.919 Meter hohe Hochtörl, aufragend über einem Gewirr aus haushohen Felsblöcken, schaurigen Dolinengräben und undurchdringbar scheinenden Latschenfeldern. Ich hoffte aber, auf ein halbwegs brauchbares Steiglein für den Aufstieg zu treffen. Die Wolken hatten sich mittlerweile etwas verdunkelt. Heute war aber gar kein Niederschlag angesagt. Der kurze leichte Nieselregen war auch kein Problem und bald schon wieder sorgte die Sonne für schwüle Temperaturen.

Über ein gelegentlich markiertes (rote Punkte, Steinmandln) Steiglein erreichte ich den Wanderweg, auf dem ich seinerzeit vom Happisch-Haus zum Paß Lueg hinunter  gewandert bin. Hier irgendwo soll es durch die Latschen eine Aufstiegsmöglichkeit zum Hochtörl geben. Eigentlich gibt es sogar (mindestens) 2 davon – denn beim Abstieg habe ich wieder einen anderen Weg gefunden.

Beim Gipfelkreuz am Hochtörl mache ich nur kurz Rast. Der Rückweg ist noch lang und über den Berchtesgadener Alpen (Hochkönigstock, Hagengebirge) wird es schon wieder etwas finsterer.

Wie also bereits erwähnt, auf einer neuen Route hinab zum Niedertörl und südwärts zur Weggabelung Richtung Happisch-Haus. Hier wähle ich den bereits vom morgendlichen Aufstieg bekannten Steig Richtung Stegenwald. Anfangs noch mit normalen Tempo. Als aber in der Ferne zunehmend und näherkommend Donnergrollen zu vernehmen war, „nehme ich meine Füße in die Hände“.

Am letzten Wegabschnitt ab der Grünwaldalm wird der Sturm zunehmend stärker und die letzten 10 bis 15 Minuten haste ich – nun bereits im stärker werdendem Regen – forschen Schrittes und keuchend hinab zum Auto. Wenige Meter bevor ich das Auto erreiche setzt wirklich Starkregen ein, dem folgenden Blitz und Donner bin ich aber gerade um Haaresbreite entkommen.

Fazit der Tour:

Ich persönlich liebe das Tennengebirge, das karge, zerklüftete Karstplateau ebenso wie die grünen Oasen dazwischen. Vor allem hier im Westen ist es auch noch beschaulich einsam.

Liebe Grüße – Dein / Ihr / Euer Christian

Bisherige Wandertouren im Tennengebirge

Von Stegenwald auf die Wieselsteine

Das Tourengebiet auf des Westseite des Tennengebirges

Das Tourengebiet auf des Westseite des Tennengebirges

Der Routenverlauf von Stegenwald (links) über das Leopold-Happisch-Haus auf Wieselsteine und Hochtörl

Der Routenverlauf von Stegenwald (links) über das Leopold-Happisch-Haus auf Wieselsteine und Hochtörl

Landkartenausschnitte © BEV 2009, Vervielfältigt mit Genehmigung des BEV © Bundesamtes für Eich- und Vermessungswesen in Wien, T2009/52304

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